ᐅ Kaufberatung: Mercedes 711 D Fensterbus vs. Düdo / Vario / Bremer

Vor genau zwei Jahren habe ich meinen ersten (und ich hoffe auch letzten) Mercedes 711 D Fensterbus abgeholt. Gekauft 2 Tage vorher am Telefon. Ohne Kaufberatung. Ohne groß nachzuprüfen. Ich glaube, ich habe nicht mal in den Motorraum geschaut. Hatte keine Zeit. Wollte nach Marokko. Nun gut, zwei Jahre und 30.000 km später könnte ich mir ja mal ein paar Gedanken darüber machen, auf was ich beim Kauf alles hätte achten sollen, wenn ich ängstlich gewesen wäre.

Kaufberatung Mercedes 711 D Fensterbus und Vergleich zum Düdo/Vario

Kaufberatung Mercedes 711 D Fensterbus und Vergleich zum Düdo/Vario

Was spricht für einen Mercedes 711 D Fensterbus?

Warum ein Fensterbus?

Für uns waren nach der Erfahrung mit dem Expeditionsmobil MB 1124 vor allem eine recht dezente Erscheinung und die riesigen Fenster wichtig. Auch heute noch finden es alle super, vom Tisch aus ringsum einen freien Blick genießen zu können. Die Fenster sind derartig hoch, dass endlich die ganze Familie auch die Bergspitzen sehen kann, wenn wir im Gebirge unterwegs sind. Ein unschlagbarer Vorteil. Und trotzdem kann niemand reinschauen. Einerseits, weil die Fenster schwarz foliert und damit quasi blickdicht sind. Andererseits, weil die Unterkante der Fenster nach der Höherlegung über der durchschnittlichen Augenhöhe liegt. Bei 170 cm muss man erst mal reinschauen können. Das schafft nicht jeder.

Und trotzdem kann man ja jederzeit die Fenster von innen isolieren und verkleiden. Bei uns zum Beispiel hinten links in der Küche und hinten rechts im Bad. Von Vorteil sind hier die 8 mm dicken Lexanscheiben, die so gut isolieren, dass sich kein Schwitzwasser bildet. Auch Geräusche bleiben ziemlich gut draußen. Von der Einbruchsicherheit mal ganz abgesehen. Deswegen hat die Polizei ja Lexanscheiben verbaut.

Mercedes 711 offroad in Bosnien-Herzegowina

Mercedes 711 offroad in Bosnien-Herzegowina

Vergleich mit dem Nachfolger: Mercedes 711 D vs. Vario (MB 616, MB 816, MB 818)

Klar, der Nachfolger des Mercedes 711 ist als Vario äußerlich kaum verändert und insofern schon mal eine tolle Basis. Stärkere Motoren locken. Mehr Komfort. Manchmal sogar schon die grüne Plakette. Aber der Mercedes 711 hat einen unschlagbaren Vorteil. Verbaut ist der legendäre OM 364, natürlich elektronikfrei. Das Teil läuft auch noch in 100 Jahren. Vorausgesetzt, die Maschine bekommt immer ordentlich Diesel, Öl und Wasser. Klopfe gleich sicherheitshalber 3x auf meine Holzschreibtischplatte. [Ähm, ist das überhaupt Holz?]

Beim neumodischen Vario hingegen sollte man sich schon mit den verschiedenen Steuergeräten im Vario befassen. Eigentlich habe ich ja nichts gegen Steuergeräte. In den ersten 20 Jahren funktioniert das bestimmt ziemlich zuverlässig. Aber wehe, es ist mal was. Dann gibt es richtig Stress. Bis hin zum wirtschaftlichen Totalschaden wegen irgendwelcher nicht lieferbaren Sensoren.

Vergleich mit dem Vorgänger: Mercedes 711 D vs. Düdo (MB 407, MB 508, MB 608, MB 613)

Vergleichbar wäre am ehesten der Mercedes MB 508 D, der eine wirklich schöne, kraftvolle und zuverlässige Basis für einen Umbau zum Wohnmobil ist. Zumindest dann, wenn man vom MB 407 D aufsteigt. Also reden wir mal nicht von dem MB 407 D mit seinem Spielzeugmotor. Doch auch zwischen dem MB 508 D und dem Mercedes 711 liegen Welten. Der 711er kann eigentlich alles besser. Er ist breiter, schneller, sparsamer, kräftiger und trotzdem genauso zuverlässig. Ja, ich weiß, so ein Breitmaul-Düdo ist auch schön breit. Aber irgendwie passt da alles nicht richtig zusammen. Die zu eng stehenden Scheinwerfer, die zu schmale Achse. Das sieht einfach nicht aus. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich für einen Breitmaul-613er schon schwach werden könnte.

Und so wäre der Mercedes 711 motormäßig wohl am ehesten mit einem Mercedes 613 zu vergleichen. Der hat natürlich die legendäre 6-Zylinder-Diesel-Maschine aus dem Kurzhauber, einen OM 352, allerdings ohne Turbo. Der MB 613 hat doch tatsächlich 20 PS, 2 l Hubraum und 2 Zylinder mehr. Eigentlich 3 unschlagbare Argumente. Wie der Fahrvergleich aber dann wirklich aussieht, kann ich nicht beurteilen. Da fehlt mir einfach die Erfahrung mit einem MB 613. Aber schneller als mein Mercedes 711 mit knapp über 4 t Reisegewicht kann er eigentlich nicht sein. Nun gut, kommt auf einen Versuch an.

Eigentlich hat der Mercedes 711 im Vergleich zum Düdo nur einen, nein zwei Nachteile: Der durchschnittliche Mercedes 711 braucht noch ein paar Jahre bis zum H-Kennzeichen. Und er ist nicht so schön rund.

Vergleich mit dem kleinen Bruder: Mercedes 711 D vs. Bremer (MB 207, MB 208, MB 310)

Der Vergleich liegt eigentlich nahe. Wenn beide nebeneinander stehen, sieht man sofort die Ähnlichkeit. Nur dass der Mercedes 711 eine ganz andere Hausnummer ist. Da könnte man den kleinen Mercedes Bremer glatt drinnen parken. Und insofern würde ich den Mercedes 711 nie ernsthaft mit einem Mercedes Bremer vergleichen. Zumindest dann nicht, wenn man den großen (oder wenigstens den halbgroßen) Führerschein hat.

Allerdings lässt sich der Mercedes 711 nicht auf 3,5 Tonnen ablasten. Ich war mit einem nackten Auto auf der Waage und der MB 711 wiegt leer exakt 3,5 Tonnen. Also wirklich leer. Ohne Sitze, ohne Verkleidung, ohne alles. Da ist nichts zu machen mit Ablastung. Aber wer den großen Führerschein hat, sollte einmal beide eckigen Mercedes-Brüder probefahren. Die PKW-Maschine im MB 207 ist zwar ganz nett. Aber nichts gegen den OM 364. Der Unterschied sind auch nicht nur ein paar PS, da liegen ganze Galaxien dazwischen.

Zulassungsvoraussetzungen für den Mercedes 711 D Fensterbus

Den Mercedes 711 Fensterbus gibt es vor allem in der Behördenversion als Gruppenkraftwagen. Mit privater Buszulassung gab es sicherlich auch welche, aber die dürften mittlerweile nach mehreren Millionen Kilometern im Linienbetrieb alle von der mitteleuropäischen Bildfläche verschwunden sein. Hauptproblem der Behördenfahrzeuge aber ist, dass diese ausgenullt sind. Das heißt, sie haben keine Schlüsselnummer, die allgemein zugänglich wäre. Private Zulassung heißt also immer Umschlüsselung.

Für die Zulassung sind also verschiedene Umbauten nötig, da erst einmal die Betriebserlaubnis erloschen ist. Vor allem die Sondersignalanlagen sind zu entfernen. Weiterhin hat man als Privatperson nicht das Recht, mit Kunststofffenstern als Frontscheibe herumzufahren. Falls ihr also einen Fensterbus kaufen wollt, achtet auf die Frontscheibe und kalkuliert für einen eventuell notwendigen Wechsel ca. 250 € nur für die Frontscheibe ein. Ansonsten gab es bei der Vollabnahme zumindest bei uns keine Probleme. Der Bus wurde aufgrund der Einbauten sogar direkt als Wohnmobil umgeschrieben.

Technik des Mercedes 711 D Fensterbus

An einem alten Auto ist immer irgendwas. Davon sollte man erst mal ausgehen. Allerdings sollte zumindest der Motor sauber anspringen, kalt ruhig laufen und nicht qualmen. Vor allem nicht weiß. Wenn sich dann die Gänge sauber schalten lassen, keine Kontrolllampen leuchten und der Fensterbus beim Bremsen in der Spur bleibt, ist zumindest für den Anfang schon mal alles in Ordnung. Halt, schaut noch mal in den Luftfilter und an den Ölmessstab: Dreck im Filter und undefinierbare Emulsionen statt Motoröl zeigen einen schlechten Wartungszustand.  Eine gründliche Durchsicht und wenigstens ein Wechsel aller Flüssigkeiten und Keilriemen ist nach 25 Jahren Einsatzzeit sowieso mal angebracht. Ansonsten aber sind sämtliche Aggregate vollkommen unauffällig. An der Technik des MB 711 kenne ich keine systematischen Schwachpunkte.

Wenn ich bei einem Händler zwischen mehreren Exemplaren die Wahl hätte, würde ich nach Motoröl(zu)stand, Achsübersetzung, Schmierzustand und Aggregatverölung entscheiden. Diese Probleme kann man zwar alle leicht lösen, aber die zeigen doch grundlegende Fahrzeugeigenschaften bzw. den Wartungszustand beim Vorbesitzer. Den Händler allerdings braucht ihr nicht fragen. Geht davon aus, dass der mit seinen Fahrzeugen noch keinen Kilometer gefahren ist und einfach nur einen Bus verkaufen will.

Und damit ihr mal seht, was ich so gewechselt habe, gibt es ja eine Liste der bei mir gewechselten Teile nebst Wartungsplan.

Karosserie des Mercedes 711 D Fensterbus

Der Mercedes 711 Fensterbus ist ein echter Mercedes. Das heißt, dass er ohne vorsorgliche und separate Behandlung rostet, rostet und rostet. Besonders kritische Stellen sind die Radläufe, Fensterrahmen, Einstiege, Kotflügel und die inneren Dachholme auf Höhe der Positionsleuchten. Da solltet ihr mal nach dem Rechten schauen. Interessant ist auch der untere Karosserieabschluss, die Schürzen. Dort sind von innen Gummistopfen verbaut. Hier könnte man bei einer akribischen Untersuchung mit einem Endoskop nach dem Rechten schauen. Ich habe so ein Teil, das ich direkt ans Handy anschließen kann. Vorn am Endoskop ist eine kleine Lampe und so kann ich mit meinem Handy ganz einfach in alle Hohlräume schauen. Bei mir ist dort alles voller Fett. Insofern problemlos.

Ja, worauf sollte man noch achten? Vielleicht auf die Ausstattung. Eine Standheizung ist nicht schlecht. Vor allem nicht in Verbindung mit richtigen Heizkörpern im Bus. Das sollte aber eigentlich Standard gewesen sein. Ich glaube hingegen nicht, dass in Behördenfahrzeugen Klimaanlagen verbaut waren. Aber die Ausstattung ist eigentlich egal. So ein Fensterbus wird sowieso umgebaut. Und so ist letztlich der gute alte Rost das größte Problem. Vor allem für jemanden, der nicht schweißen kann.Ach so, und Rost natürlich noch. Hätte ich doch beinahe vergessen.

Bezugsquellen für einen schönen Mercedes 711 D Fensterbus

Es gibt eigentlich nur noch drei Quellen, bei denen man einen Mercedes 711 D Fensterbus kaufen kann.

Direkt von der Behörde über eine Versteigerung (z. B. der VEBEG) ist sicherlich die günstigste Variante. Doch da braucht ihr mit der Kaufberatung gar nicht auftauchen. Da könnt ihr schon froh sein, wenn ihr das Fahrzeug überhaupt vorher zu Gesicht bekommt. Aber von der VEBEG wurde schon lange kein Mercedes 711 mehr versteigert. Werden langsam knapp, die Guten.

Dieses Problem umgeht man beim Kauf vom Händler. Das ist natürlich teurer, aber schon etwas luxuriöser. Auf Wunsch gibt es dort sogar eine frische Hauptuntersuchung, auch wenn das natürlich nichts über den technischen Zustand aussagt. Aber auch die Quellen der Händler sprudeln nicht endlos.

Die dritte Variante schließlich ist ein Kauf von privat. Doch derartige Angebote für gebrauchte 711er sehe ich sehr selten. Denn wer einen Mercedes 711 Fensterbus einmal hat, behält ihn.

Weitere Infos

Und wer noch tiefer in das Auto kriechen will, kann sich ja mal die Kaufberatung vom MB 508 D anschauen. Gilt für den Mercedes 711 D nahezu identisch. Aber ganz ehrlich – so viel Senf muss man beim Kauf eines 90.000-km-Behördenautos nun nicht machen. Habe ich bei meinem Mercedes 711 Fensterbus ja auch nicht. Kaufen, durchsehen, instandsetzen, fahren. Bisschen Pflege, bisschen Rostvorsorge. Und ansonsten viel Freude.

Wie gesagt, letztlich entscheidet der Rostzustand. Und nach dem Entfernen der Gummistopfen kann man den (potentiellen) Traumbus mit einem kleinen, preiswerten Endoskop selbst in den Hohlräumen ganz gut auf Rost untersuchen (Ich habe dieses fürs Android-Handy).

Also, keine Angst vor dem großen Mercedes 711 Fensterbus!

Busse und Zubehör sind selbst gekauft. Erfahrungen selbst gemacht.

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10 Antworten

  1. Christian sagt:

    Servus aus Nemberch, Nürnberg.
    Bei mir ist “Alles anders” und “Alles sehr Ähnlich…:o)
    Nur zwei Kinder….vorher über zehn Jahre UNIMOG 416 DoKa (zu auffällig, groß, unbeqem) und nun…Tja ich bastle nun seit 2 Jahren an unserem neuen, ein IVECO 40-10 4×4.
    Ich mag deinen Blog, dickes Kompliment und Gruß an die Familie.

  2. Thijs Leenders sagt:

    I am happy to read that you are also convinced that 4×4 has a lot of disadvantages for a overland travel vehicle.
    We ended up with a sprinter with plumbers box I converted into a comfortable home on wheels and we have been living in it for 3 years. At the moment we are in Mexico and the only reason I would pick super singles ( like most mexican sprinters and crafters) is that the toll roads are double the cost with double wheels. The sprinter front end is pretty week and although nothing broke (yet) it is limited. Mine is registered for 7 tonnes and we weigh about 5 1/2 T so shocks and springs have a difficult time, my sway bars brackets keep breaking so I left them off and feel I am much more flexible on bad roads. Keep up the good work and I look forward to the end results of the separett.

  3. Lars sagt:

    Moin,
    seit ein paar Tagen befinde ich mich auch in der elitären Gesellschaft der 711d Besitzer. Bei der Vebeg gab es in letzter Zeit tatsächlich einige 711 Truppen- und Gefangenen-Transporter zu ersteigern. Alle als Ausführung Fensterbus. Einen davon habe ich mir für wirklich kleines Geld geschossen. Der Ausbau beginnt bei uns nun demnächst auch. Wir werden den Wagen allerdings einmal komplett lackieren, da das Mint-Grün ein wenig zu sehr Signalfarbe ist. Da habt ihr es besser getroffen. Werde sicherlich das eine oder andere mal bei dir stöbern. Auch wenn ich grundsätzlich einige andere Ideen habe und schon genau weiss was rein kommt und verbaut wird.

  4. Armin sagt:

    Hey Tom,

    toller Artikel – wie gewohnt! 🙂
    Eine zusätzliche Bezugsquelle für einen 711 D ist auch immer mal wieder die Seite http://www.zoll-auktion.de! Ich weiß aus erster Hand, dass die Polizei Schleswig-Holstein alle ihre Fahrzeuge über diese Seite verkauft.

    Beste Grüße aus dem hohen Norden,

    Armin

  5. NuggetAD sagt:

    Hallo Tom – Meister der Raumplanung und Mehrfachnutzung,
    erst einmal ziehe ich den Hut vor euch – mit bis zu 5 Kindern im Vito! Wir waren mit einem 5m-Ford-Nugget unterwegs mit 2 Babies das war problemlos. Aber jetzt mit 2 Jahren wird das beim Freistehen echt mühsam – ständig Chariot und Kinderkraxe umstapeln und der Bettumbau unten …
    Wie lang ist denn der euer 711 aussen und im Innenraum (ab Fahrersitz)?

    Wir planen derzeit ein neues Fahrzeug für 6 Monate Asien anzupassen. Elternbett, Kinder-Stockbetten, Sitzbank für die Kinder, WC und Küche sind einfach nicht auf die 3.08m Innenraum im 5m-Düdo zu bekommen. Jetzt probier ich die Planung nochmal mit Hubbett über dem Fahrerhaus. Danke für die Inspiration.

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