ᐅ Ost-Rundhauber auf Expedition im Iran: Tatra 148 6×6

Mit dem Tatra 148 6×6 verbinden mich zwei Dinge: Einerseits dieses Pfeifen, wenn er aus der engen Kurve vor unserem Haus kam und den Berg hinauf beschleunigte. Vor allem aber eine erste Vorstellung von einem Expeditionsmobil.

Gustav Ginzels Iran – Expedition 1977 mit dem Tatra 148 6×6

Diese erste Idee davon, was es heißt, mit einem Allrad LKW auf Expedition zu gehen, vermittelte mir Gustav Ginzel (1932-2008). Dieser schrullige und unterhaltsame Sudetendeutsche bewohnte das Misthaus – eine mit Kuriositäten aus aller Welt vollgestopfte Berghütte im böhmischen Isergebirge. Zumindest dann, wenn er nicht irgendwo in der Welt unterwegs war. In seinem historischen Wohn-, Koch- und Schlafraum, dem Treffpunkt der DDR-Bergsteigerszene, hielt er regelmäßig Diavorträge über seine Expeditionen. Nicht umsonst war das Misthaus auch UdF-Zentrale.

Gustav Ginzel 1993 beim Dias sichten im Misthaus

Gustav Ginzel 1993 beim Dias sichten im Misthaus

Und eine dieser Expeditionen führte eine tschechische Gruppe mit eben jenem Tatra 148 6×6 in den Iran. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber das Buch „Poušť jde za tvým stádem“ von Otto Janka müsste von dieser Expedition aus dem Jahr 1977 handeln. Leider ist Europa noch nicht soweit, dass ich das Buch online im Prager Antiquariat kaufen kann. Da werde ich wohl mal hinfahren müssen, um persönlich die 50 tschechischen Kronen (2 €) auf den Tresen zu legen. Hoffentlich ist das Buch dann noch da. Oder vielleicht bringt es mir ja mal jemand mit. Der Laden liegt ziemlich zentral im Schatten der Vyšehrad.😀

Der Tatra als schwerer 26-t-Kipper

Vorerst muss ich mich also bezüglich der technischen Daten des Tatra 148 mit dem Typenkompass nichtrussischer DDR-Import-Lastwagen zufriedengeben, aus dem das nachfolgende Foto entnommen ist. Ich hab mir sogar extra eine Genehmigung des Verlages eingeholt.

Tatra 148 S3 Hinterkipper (Foto: Juraj Hlaváč, entnommen aus Kunkel, S. 59)

Tatra 148 S3 Hinterkipper (Foto: Juraj Hlaváč, entnommen aus Kunkel, S. 59)

Der Tatra 148 war schon eine modernisierte Version des Vorgängers Tatra 138. Äußerlich ist der Tatra 148 vor allem durch die längere, etwas eckigere Motorhaube und den nicht mehr vertikal, sondern horizontal geteilten Kühlergrill von seinem Vorgänger zu unterscheiden. Das typische Pfeifen der Tatras kam wohl vom Gebläse, mit dem der V8 gekühlt wurde. Denn ein Turbolader war noch nicht verbaut. Dennoch holte der Tatra 148 S1 6×6 stolze 212 PS aus dem Achtzylinder (vgl. Kunkel, DDR-Lastwagen, S. 57). In Verbindung mit den 15 t Nutzlast war der Tatra eigentlich der schwerste Kipper, den man normal auf der Straße gesehen hat. Der KrAZ 255 B war hingegen ziemlich selten.

Tatra 148 6×6 bei der NVA

Natürlich war der Tatra 148 auch bei der NVA weit verbreitet, vor allem mit irgendwelchen Spezialaufbauten. Und da kann ich auch endlich mal mit eigenen Fotos dienen, zunächst mit einem Autodrehkran.

Tatra 1486x6 in der NVA: Autodrehkran AD 160

Fotografieren allerstrengstens verboten: Autodrehkran AD 160 auf Tatra 148 6×6 (NVA)

Nie in Betrieb gesehen habe ich den Tatra 148 6×6 der NVA als Entgiftungsstation TZ-74. Dieser schöne 6×6 bestand eigentlich nur aus einem 2000 l Tank und einer drehbaren, heckseitigen Flugzeugturbine, mit deren Abgasstrahl Fahrzeuge und sonstige Flächen dekontaminiert werden konnten. Also angeblich. Keine Ahnung, ob und wie das in echt funktioniert. Damals dachte ich sogar, das wäre ein Gerät zur Enteisung gewesen. Hmm. Geht bestimmt auch. Stelle mir gerade vor, wie ich mit dem Ding in meiner Einfahrt Schnee räume…

Tatra 148 6x6 NVA als Entgiftungsstation TZ-74

Tatra 148 6×6 der NVA als Entgiftungsstation TZ-74

Wäre der Tatra ein geeignetes Expeditionsmobil?

Jedenfalls war und ist der Tatra ein schönes und imposantes Fahrzeug. Der LKW ist schon eine andere Hausnummer als der regelrecht zierliche Praga V3S 6×6. Dennoch ist der Verbrauch von 31,2 l (sic!) für einen 6×6 dieser Größe gar nicht mal so schlecht. Allerdings auch hier wieder bei nur 70 km/h. Es war also kein Wunder, dass die tschechische Expedition 1977 in den Iran sich zumindest auf der Hinfahrt mithilfe eines Einachs-Tankanhängers vollständig mit heimischem Sprit versorgen konnte. Denn das war wahrscheinlich der wesentliche Grund, diese Expedition mit dem Tatra 148 6×6 anzugehen: Man konnte sämtliche Vorräte mitnehmen und musste unterwegs keine Devisen ausgeben. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass Gustav Ginzels Expeditions-Tatra über Kühlschrank, Fußbodenheizung oder Batterieladecomputer verfügt hätte. Ging aber trotzdem. Aber heute? Ich weiß nicht.

Die technischen Daten sowie das Kipperfoto vom Tatra 148 6×6 stammen aus meinem aktuellen Lieblingsbuch von Ralf Kunkel: DDR-Lastwagen – Importe aus der Tschechoslowakei, Polen, Rumänien und Ungarn (ISBN 978-3-613-03758-8, 127 Seiten für 12 €).

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7 Antworten

  1. Marco sagt:

    Ahoj aus Prag! Habe den Eintrag gerne gelesen, vor allem die Erinnerung an Gustav Ginzel. Aber auch der Tatra hat was. Habe vor kurzem aber mit einem britischen Freund hier tatsöchlich überlegt, einen Praga 6×6 zu erwerben, allerdings eher als mobilen Unterstand auf einem Kriket-Feld in Prag.
    Bei den tschechischen Bergsteigern fällt mir noch dieser Kollege ein, mit dem ich mal die Ehre hatte, ein Interview zu machen: http://radio.cz/de/rubrik/mikrophon/ein-alter-bergsteiger-ist-ein-guter-bergsteiger-karel-plechac-ueber-sein-leben–1
    So, ich hoffe das war nicht zu off-topic!

    • Tom sagt:

      Alles gut, Marco. Danke für den Link und viele Grüße nach Prag! Und wenn Du mal im Antiquariat an der Burg vorbeikommst – ich suche noch nach dem Buch „Poušť jde za tvým stádem“ von Otto Janka 🙂

  2. Marco sagt:

    Ja, gibts auch in einem Antiquariat irgendwo bei Vysehrad … mit 50Kc bist du dabei!

  3. Marco sagt:

    Kann ich dir besorgen, müssen wir dann nur sehen, wie das Buch zu dir kommt, kann es von hier aus schicken, oder wenn ich mal wieder in Deutschland bin…

  4. Tom sagt:

    Marco war heute hier. Das Buch ist mein. Vielen Dank!!!

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