ᐅ Mehr Bauchfreiheit und bessere Böschungswinkel: Höherlegung Vario/T2

Schon lange hatte ich die Höherlegung Vario/T2 vor, denn im Gelände geht nichts über ausreichend Bauchfreiheit und knackige Überhänge. Ein Wohnmobil – und hier erst recht eins für 7 Personen – braucht aber auch innen ein wenig Platz. Genau dieses Problem wird mich wohl ewig verfolgen: Außen so klein wie möglich, innen so groß wie nötig. Also ein Kompromiss. Und so hat auch unser MB 711 D einen mittleren Radstand und hinter der Hinterachse einen ziemlich ungünstigen Böschungswinkel. Noch dazu mit der tief hängenden Staukiste.

MB 711 D vor der Höherlegung

MB 711 D vor der Höherlegung

Höherlegung Vario für mehr Bauchfreiheit und bessere Böschungswinkel

Auf Pisten und steilen Rampen wirkt sich vor allem dieser hintere Überhang sehr limitierend aus. Wenn der Kastenwagen möglichst hoch über dem Boden liegt, kann ich aber auch viel besser unter dem Fahrzeug arbeiten. Um also Bauchfreiheit und Böschungswinkel zu verbessern und insgesamt mehr Platz unter dem Auto zu schaffen, stand eine Höherlegung an. Und das in zwei Etappen. Zuerst gibt es entsprechend der Zieldefinition und der Limits größere Räder (+3,5 cm) und dann mehr Abstand zwischen Karosserie und Fahrwerk (+6,5 cm). Dazu neue, verstärkte Stoßdämpfer.

Wie kann ich einen Kastenwagen höher legen?

Da alle Möglichkeiten unterhalb der Achse mit der Montage angemessen großer Räder ausgeschöpft waren, blieb nur noch der Raum über der Achse. Prinzipiell könnte man hier andere Federn einbauen, die Parabelfedern hinten umhängen oder mit Unterlegplatten arbeiten.

Um die Karosse insgesamt 10 cm höher zu bekommen, habe ich mir ringsum 6,5 cm hohe, zusätzliche Unterlegplatten und entsprechend längere Federbügel bestellt – insgesamt 8 Stück.

Wo kann man die Federbriden und Unterlegplatten kaufen?

Die Unterlegplatten sind einmal etwas, was es bei Mercedes trotz des horrenden Preises nicht mehr gibt. Allerdings bietet diese Distanzklötze sowie die Federbriden ein darauf spezialisierter Mittelständler aus Thüringen an. Ich mag ja solche Firmen, wo man noch richtig anrufen und mit dem Chef selbst telefonieren kann. Schließlich hatte ich bis dahin überhaupt noch keine Ahnung, wie viele unterschiedliche Sorten von Federbriden es gibt. Insofern war es für mich vollkommen aussichtslos, mir im Onlineshop etwas zu bestellen. Da es verschiedene  Fahrzeuge und Achsen gibt, habe ich die Fahrgestellnummer, die Anzahl der Federlagen und die Dicke der verbauten Federbriden durchgegeben. Und schon 3 Tage später kam ein Paket, das mir bei der Übergabe beinahe auf die Füße gefallen wäre. Es war tatsächlich nicht besonders groß, aber beeindruckend schwer.

Das Paket Federbriden und Unterlegplatten für die Höherlegung Vario/T2

Das Paket Federbriden und Unterlegplatten für die Höherlegung Vario/T2

Und dabei kostet das Höherlegungsset für eine ganze Achse genauso viel wie eine einzelne Unterlegplatte bei Mercedes (gekostet hätte, wenn es sie denn noch gäbe).

Montage der Unterlegplatten und neuer Federbriden an der Vorderachse

Tja, und dann ging es ans Schrauben. Angefangen habe ich mit dem vorderen rechten Rad. Das war ja sowieso gerade ab. Also die Schrauben für die Federbriden von unten lösen. Die sitzen ganz schön straff. Kein Wunder, ist ja M14 mit Schlüsselweite 22. Zum Glück hatte ich die relevanten Schraubverbindungen schon vor einer Woche satt mit WD40 eingesprüht. Aber trotzdem wollten die Federbriden nicht aus dem Achskörper raus. Fühlten sich da scheinbar recht wohl. Und der Rost hat sicherlich auch ein bisschen geklemmt. Also habe ich die beiden Muttern wieder auf die Federbügel gedreht und von unten mit dem Wagenheber nach oben gedrückt. Das ging erst überhaupt nicht und dann mit einem Ruck. Ihr solltet also das Fahrzeug gut sichern. Am besten lasst ihr auch die Räder drauf und arbeitet immer nur an einer Seite. Da besteht auch eine geringere Gefahr, die Achsstellung und damit die ganze Fahrzeuggeometrie zu verändern.

Auspressen der alten Federbriden auf der Vorderachse

Auspressen der alten Federbriden auf der Vorderachse

Nachdem beide Federbriden abgeschraubt waren, konnte ich die Feder mit dem Wagenheber soweit anheben, dass ich die Unterlegplatte zwischen die Parabelfeder und den Achskörper bekam. Die Unterlegplatte hat eine durchgehende Bohrung mit einem Bolzen, der das Verrutschen der Unterlegplatte auf dem Achskörper verhindert. In das obere Bolzenloch wiederum greift die unten herausstehende Mutter des Herzbolzens ein. Die Unterlegplatten bestehen aus zwei Teilen, die miteinander verschweißt sind.

Einbau der neuen Unterlegplatten zur Höherlegung

Einbau der neuen Unterlegplatten zur Höherlegung

Das Einbauen der neuen 10.9er Federbriden ging dann Plug-and-Play. Einfach reinstecken, Ausrichtung der Achse kontrollieren und anschrauben. Anzugsdrehmoment 140 Newtonmeter beim T2 neu bzw. T2/LN1 mit Federbügeln in M14x1,5. Selbstsichernde Muttern. Zum Glück geht mein neuer Drehmomentschlüssel bis 320 Newtonmeter.

Federn, Unterlegplatten und Achse werden mit den neuen Federbriden verschraubt

Federn, Unterlegplatten und Achse werden mit den neuen Federbriden verschraubt

Höherlegung Vario über der Hinterachse

An der Hinterachse hingegen lassen sich die Federbriden (M16) nicht ganz so leicht lösen. Hier ist alles ziemlich eng und verbaut, da am Achskörper zwischen Differential und Bremskörper nicht nur die Federn, sondern auch der Stabilisator und die Stoßdämpfer sitzen. Vielleicht hätte ich es auch mit einer Verlängerung auf meiner zölligen 24er Nuss hinbekommen. Aber die hatte ich halt nicht zur Hand. Muss ich erst noch bestellen.

Also musste ich mir etwas Platz schaffen. Das war gar nicht so leicht. Erst einmal den inneren Zwilling demontieren. Dann mussten die seitlichen Laschen der Stabilisatoren zum Rahmen dran glauben. Auch hier sind die Schrauben so reingefummelt, dass man immer mal wieder die Parabelfeder leicht hoch oder runter drücken muss. Dazu sind die Schrauben ziemlich fest oder festgerostet. Bei der Gelegenheit habe ich auch gleich die Stoßdämpfer ausgebaut. Die kommen sowieso neu. Und dann doch noch den ganzen Stabilisator. Natürlich mit abgerissener Schraube. Zum Glück aber kein Stehbolzen.

Erst als dies alles auf beiden Seiten erledigt war, konnte ich mich an die Federbriden der Hinterachse wagen. Mit dem großen 24er Schlüssel. Aber ohne Verlängerung war da nichts zu machen. Die Schrauben waren gefühlt mit 500 Newtonmetern angezogen. Selbst ein halber Meter Verlängerung hat nichts gebracht. Erst als ich die ganz großen Argumente geholt habe, ging es dann. So ein 1,50 m langer Hebel überträgt schon einiges an Kraft auf so eine Mutter. Aber dafür ist sie ja gemacht.

Lösen der alten Federbriden - mit einer Verlängerung von 1,50 m

Lösen der alten Federbriden – mit einer Verlängerung von 1,50 m

Der Rest war wieder einfach: Gelöste Federbriden mit dem Wagenheber auspressen.

Auspressen der hinteren Federbriden

Auspressen der hinteren Federbriden

Anschließend die Feder hochdrücken und die Unterlegplatten dazwischenlegen. Neue selbstsichernde Muttern M16x1.5 leicht aufdrehen. Fahrzeug ablassen. Achse ausrichten. Anbauteile kontrollieren, hinten vor allem die Feststellbremsenhalterung am vorderen Federbügel. Spur kontrollieren. Und dann erst die M16-Federbügel mit 220 Nm festziehen.

Montage der hinteren des Distanzklötze und Federbriden

Montage der hinteren des Distanzklötze und Federbriden

Sonstige Arbeiten für die Höherlegung Vario/T2

Die Höherlegung Vario/T2 ist damit aber noch nicht erledigt. Der achslastabhängige Bremskraftregler ALB musste neu eingestellt werden. Und neue, verstärkte Stoßdämpfer waren sowieso fällig. Aber das sind zwei andere Geschichten. Also erst noch einmal der „Originalzustand“:

MB 711 D vor der Höherlegung mit der Originalbereifung 225/75 R 16

MB 711 D vor der Höherlegung mit der Originalbereifung 225/75 R 16

Und hier ist dann das Ergebnis von Umbereifung, Höherlegung und neuen Stoßdämpfern.

10 cm mehr Bodenfreiheit nach der Höherlegung Vario/T2 und Reifen 235/85 R 16

10 cm mehr Bodenfreiheit nach der Höherlegung Vario/T2 und Reifen 235/85 R 16

Da die Reifen auch ca. 7 cm mehr Durchmesser haben, wirkt sich die Höherlegung um 10 cm optisch nicht so drastisch aus. Und genau das war ja ein wichtiges Nebenziel: Eine insgesamt dezente und weitgehend originale BGS-Bus-Optik mit recht geringfügig geänderten Proportionen. Aber trotzdem hat es die Höherlegung in sich: Der Einstieg ist jetzt 10 cm höher und nur noch mit einem großen Schritt zu erreichen. Die Unterkante der Karosserie liegt normgerechte 55 cm über dem Boden. Und unter dem Bus arbeitet es sich schön bequem.

Natürlich könnte man auch noch größere Unterlegplatten verwenden – der Lieferant für die Federbriden und Unterlegplatten ist flexibel genug. Allerdings gehe ich ungern über das Maß hinaus, das von Mercedes für den Vario original als Höherlegung für den T2 814 DA (Baumuster W670) angeboten wird (A6673220931).

So, und jetzt kann ich so langsam mal die Abnahme vorbereiten…

Technische Daten, Anzugsdrehmomente und Kosten für die Höherlegung

Risiken und Nebenwirkungen

Ihr wisst ja schon, dass hier alles ohne Garantie und Gewährleistung ist. Denkt vor allem daran, dass durch die Höherlegung das Fahrverhalten beeinträchtigt wird, weil der Schwerpunkt höher liegt. Die Lenkung ist nervöser. Außerdem liegt die Gelenkwelle nun steiler, wird am Schiebestück weiter auseinander gezogen und daher stärker belastet. Übertreibt es also nicht mit der Höherlegung.

Vergesst auch nicht, dass ihr längere, verstärkte Stoßdämpfer und eventuell längere Bremsleitungen braucht sowie den achslastabhängigen Bremskraftregler neu einstellen müsst.

Technische Daten meines MB 711 D (W669)

Federbügel vorn: M14 x 1,5

Federbügel hinten: M16 x 1,5

Unterlegplatten vorn+hinten: 6,5 cm hoch

Anzugsdrehmomente der Federbügel und Radmuttern

Zur Übersicht will ich noch einmal die wichtigsten Schritte und Anzugsdrehmomente zusammenstellen. Dazu durfte ich mal ein Mercedes Werkstatthandbuch für die Leichte Klasse durchblättern (WHB LK 1984). Ein explizites Werkstatthandbuch für den Mercedes Vario/T2 (Baumuster 669) habe ich leider nicht. Hätte ich aber gern.😉

Anzugsdrehmoment Federbügel: 140 Nm vorn (M14) und 220 Nm hinten (M16)

Anzugsdrehmoment Radmuttern: 160-180 Nm für Radbolzen M14x1,5 (nach 50-100 km nachziehen)

Kosten für die Höherlegung

Knapp 200 € pro Achse mit Neuteilen von DFF (Federbügel, Unterlegplatten und Kleinteile)

Ca. 95 € für einen neuen Drehmomentschlüssel bis 320 Nm (Das ist schon ein anderes Arbeiten, wenn sich der neue Drehmomentschlüssel beim eingestellten Anzugsdrehmoment von ganz allein bemerkbar macht.)

Mein alter und mein neuer Drehmomentschlüssel

Mein alter und mein neuer Drehmomentschlüssel

Und hier geht es weiter zur Montage und zum Test der verstärkten Stoßdämpfer. 

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7 Antworten

  1. Ingo sagt:

    Hallo Tom,

    ein paar Anmerkungen zu Deinem Fahrwerks-Workshop:

    1. Die Anzugsmomente der Muttern für die 16er Federbügel sind laut Mercedes 25 Nm bei der Erst-Montage! Nach ein paar hundert Kilometern, also nach dem „Setzen“, werden die Briden dann nur noch mit 20 Nm nachgezogen.
    2. Die Löcher, in denen die Federbügel durch die Achsen durchgeführt werden, sollten nach dem Nachziehen nochmals ausgeblasen und dann mit Zinkfarbe ausgegossen werden. Und nach dem Trocknen der Zinkfarbe kann man dann das Ganze noch mit Unterbodenschutz oder Wachs versiegeln, so dass Salzwasser keine Chance mehr hat.
    3. Höhere Beilagen als die von Dir verbauten mit 6,5 cm ziehen meiner Meinung nach zwangsläufig zusätzliche Änderungen an den Bremsschläuchen und der ABS-Anlage (wer eine hat) nach sich.
    4. Man sollte sich vielleicht überlegen, an der Vorderachse die Federbügel von 14 auf 16mm, so wie beim 814 DA, auch umzurüsten. Man wird das nicht ohne Grund bei Mercedes gemacht haben. Das Aufbohren der Vorderachse ist unter Materialaspekten völlig unproblematisch, allerdings stellt es an den Ausführenden und sein Bohrequipment gewisse Anforderungen. 😉

    Gruß

    Ingo

    P.S.: Alles wie immer ohne Gewähr!
    P.P.S.: Hast Du schon die Freigabe von Mercedes für die 235er Reifen erhalten?

    • Tom sagt:

      Vielen Dank fürs Mitdenken, Ingo. Aber nie im Leben betragen die Anzugsdrehmomente für die Federbügel nur 25 Newtonmeter. Oder hast Du da eine Quelle dafür? Ich habe extra noch einmal recherchiert und den letzten Abschnitt im Beitrag ergänzt. Für den LK sind es 200 Nm (WHB, S. 72). Aber klar, ich kann mich natürlich auch irren. Wenn Du mich überzeugst, gehe ich noch mal mit dem Drehmomentschlüssel unter den Bus und mache die Muttern wieder los.

      • Ingo sagt:

        Hallo Tom,

        ist ja ärgerlich! Das kommt davon, wenn man mit Kilogramm und Newtonmetern gleichzeitig hantiert! Natürlich fehlt in der genannten Einheit jeweils eine Null! Es muss also richtiger Weise 250 Nm für den Erstanzug und 200 Nm für den Anzug nach dem „Setzen“ heißen! Ich bitte für diesen Lapsus um Entschuldigung. Die Daten stammen übrigens aus dem originalen Mercedes-Werkstatt-Handbuch und sind die Daten speziell für den T2/711D.
        Und sorry auch dafür, dass ich mich erst heute melde, aber ich war das neue Fahrwerk 1600 km testen! 🙂

        Gruß

        Ingo

    • Tom sagt:

      Ach so, eine Anmerkung noch zum Aufbohren der Vorderachse: Ich versuche, niemals nicht irgendwelche irreversiblen Änderungen am Fahrzeug vorzunehmen. Das wäre mir zu heiß. Wenn es dafür dann bei der Hauptuntersuchung Mecker gibt, habe ich eine geschrottete Vorderachse.

  2. Tom sagt:

    Ich habe mal die aus meiner Sicht „richtigen“ Anzugsdrehmomente für die Muttern der Federbügel ergänzt: 140 Nm vorn (M14) und 220 Nm hinten (M16) lt. WHB T2

  3. Max sagt:

    Hallo Tom,
    ein tolles Projekt! Es macht Spaß Deine Berichte zu lesen. Ich fahre einen 609 mit Motorumbau auf 364LA. Reifen 215/75 R16C, Achsübersetzung 1:3,25 , aktuelle Höchstgeschwindigkeit nach GPS ist 105. Was das Drehmoment angeht denke ich hat der Motor noch etwas Luft.
    Ich würde gerne auch auf 235/85 R16 umrüsten und habe zum Thema noch einige Fragen:
    Merkst Du einen gravierenden Unterschied bei Bergfahrten oder lässt sich der größere Radumfang durch runter schalten gut kompensieren.
    Hat sich der Lenkeinschlag durch den Umbau verändert?
    Wieviel Platz ist noch zwischen den Zwillingen?
    Kannst Du einen Reifentyp empfehlen?
    Vielen Dank und schöne Grüße aus Berlin!

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