Radtour durch den Schluckenauer Zipfel
Die Fahrräder sind frisch gewartet, das Wetter ist schön und Lust ist auch da. Da können wir am langen Wochenende doch mal eine kleine Radtour machen. Abends einpacken, früh starten. Mein Jüngster fährt auf dem Elbradweg voran und macht ordentlich Tempo. Muss mal die Aufhängung der grauen Ortliebtasche reparieren, aber sonst läuft es prima.
In Pirna die erste kurze Pause, weil da ein W50 steht.
Und schon geht es bei bestem Wetter weiter die Elbe hoch. In Pirna beginnt die Sächsische Schweiz und die Berge treten näher ans Ufer. Ein beliebtes Revier für Elbdampfer, Elbpaddler und Elbradwegfahrer.
Da oben ist die Bastei-Brücke. Das spektakuläre Windows-Hintergrundfoto stammt aber von der anderen Seite.
Bin die letzten Jahre öfter mit dem Boot auf der Elbe gepaddelt als mit dem Rad langgefahren. Mir ist der Elbradweg einfach zu voll.
Aber solange nicht auch noch Fußgänger auf dem Elbradweg unterwegs sind, geht’s. In Königstein müssen wir schon wieder anhalten, denn da ist gerade eine S4000-Versammlung. Mein Jüngster hat da zum Glück Verständnis.
Wir wechseln uns in der Führungsarbeit ab, aber mein Windschatten bringt angeblich nichts. Kein Wunder, auf seinem großen Fahrrad bietet er wesentlich mehr Angriffsfläche als ich. Und größer ist er auch noch. Also zieht er meistens voran und ich im Windschatten hinterher. Wir sind so schneller als die typischen Elektroradler.
12:45 Uhr queren wir in Bad Schandau nach 40 km die Elbe und fangen langsam an, uns nach einer Kneipe umzusehen.
Essen im noblen Elbhotel, die haben nämlich eine schöne Terrasse zur Elbe hin, auf der wir die Fahrräder hinstellen können. Nach einer Stunde Mittagspause tanken wir noch Wasser und machen uns über den Marktplatz von Bad Schandau auf den Weg ins Kirnitzschtal.
Mein Piccolo hat erst ein wenig Bedenken, weil wir mitten auf den Gleisen der Kirnitzschtalbahn fahren. Und tatsächlich kommt uns zweimal die Straßenbahn entgegen. Da die Bahn aber nicht besonders schnell fährt und auch der Gegenverkehr Rücksicht nimmt, ist das nicht weiter problematisch. Das funktioniert ja schon seit 1898 so, ohne dass deswegen die Bevölkerung in der Sächsischen Schweiz sprunghaft geschrumpft wäre.
Selbst auf Straße und Straßenbahngleisen fährt sich das Kirnitzschtal mit dem Fahrrad sehr angenehm. Es rollt. Und so halte ich wegen dieser hübschen Buchanka am Beuthenfall nicht an, obwohl mein Fünfter mich extra darauf hinweist. So ein Foto kann ich auch vom Fahrrad aus machen.
Im hinteren Kirnitzschtal sehen wir dann den ganzen vertrockneten Fichtenwald. Sieht richtig apokalyptisch aus. Da war die Pollenexplosion, die wir im Mai 2018 auf unserer Wanderung vom Schneeberg zum Prebischtor gesehen haben, das letzte Aufbäumen eines sterbenden Waldes. Zum Glück sind unten im Tal noch ein paar Laubbäume stehen geblieben.
Doof ist nur der letzte Anstieg aus dem Kirnitzschtal hoch nach Hinterhermsdorf, weil man selbst mit dem Fahrrad nicht die ganze Zeit an der Kirnitzsch entlang fahren kann. Also müssen wir erst steil nach Hinterhermsdorf hoch und auf der anderen Seite wieder runter an den Fluss.
Jedenfalls fährt mir mein Sohn am Anstieg nach Hinterhermsdorf davon, wartet aber oben am Ortseingangsschild. Also das grüne Trikot ist ihm sicher. Und als Prämie gibt es nach 60 km ein Eis in Hinterhermsdorf. Und zwar nicht nur für den Sieger der Bergwertung, sondern zum Glück auch für den 2. Platz, der allerdings dann auch die Rechnung bezahlen muss.
Habe dafür bergab einen Vorteil, weil ich jetzt die zusätzlich aufgebaute potentielle Energie direkt in mehr Speed umsetzen kann. Unten am „Grenzübergang“ nach Tschechien bin ich aber schon wieder hinten.
Ich finde das super, dass wir so einen schönen Weg fahren und auch fahren können. Denn bis zum Schengenabkommen war hier ja alles dicht. Zu DDR-Zeiten sowieso. Wir fahren also auf dem breiten Forstweg nebeneinander weiter die Kirnitzsch hoch und ich erzähle Grenzgeschichten aus früheren Zeiten.
Auch als wir die ersten Siedlungen im Schluckenauer Zipfel erreichen, bleibt es schön. Ruhige Straßen, grüne Wiesen, nette Umgebindehäuschen.
Hier im früher abgeschnittenen Schluckenauer Zipfel ist zwar nicht alles Radweg, aber die Straßen sind quasi überhaupt nicht befahren. Also alles im grünen Bereich. Mittlerweile lasse ich die Sprachnavigation laufen, denn wir fahren immer links, rechts, links, rechts, geradeaus. Mit dem sprechenden Handy in der Rückentasche geht dann doch alles etwas flotter von der Hand, weil ich nicht ständig auf die Karte gucken muss. Hier sind wir zum Beispiel ein ganzes Stück auf einem Feldweg unterwegs, den ich ohne Karte und Hilfe von mapy.cz nie gefunden hätte.
17:05 nach 85 km eine Steinblockade auf dem Radweg, ein Grenzstein, und wir sind wieder in Deutschland.
In Waltersdorf stehen dieselben Häuser, aber alles ist aufgeräumter. Nur Radwege sind im Zittauer Gebirge Mangelware. So ist die tschechische Navigation verwirrt und schickt uns über eine lange Treppe hoch zur Kirche Waltersdorf. Klar, da haben wir wieder einen Kilometer eingespart. Aber die Treppe ist dann schon doof. Egal, das schaffen wir. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.
Erstaunlich ist übrigens auch das Wetter, denn selbst am Abend sind wir noch mit kurzen Sachen unterwegs. Und das Anfang Oktober.
Langsam wird es spät und wir sehen mit den Bergen am Horizont schon, was das mit dem Anstieg ins Isergebirge noch werden soll. Das schaffen wir heute auf keinen Fall mehr. Aber 100 km werden’s bestimmt noch. Ist zwar anstrengend mit den ganzen Bergen im Zittauer Gebirge, aber wirklich schön, so im Abendlicht durch die Gegend zu radeln.
In Johnsdorf dampft gerade die Schmalspurbahn ab.
Danach wird es schon fast dunkel im Wald. Ach nee, ich hab noch die Sonnenbrille auf.
Um 18:15 Uhr knacken wir kurz vor dem Dreiländereck die 100-km-Marke und machen das obligatorische Foto. Kurz danach geht es wieder über die Grenze nach Tschechien.
Ein paar Meter, und wir stehen in Polen am Christinasee. Der schon 1972 geflutete Braunkohletagebau sieht ganz verheißungsvoll aus. Hier sind mehrere Restaurants und ein Campingplatz. Da kommen wir bestimmt unter.
Nur ist der Campingplatz nicht besetzt. Aber das ist egal, wir können uns da ja auch so hinstellen. Erstmal in die Kneipe. Die Leute sind nett und wir kriegen zwar keine Kofola, aber zumindest Palatschinken zu essen. Die sind zwar kalt, aber das gefällt uns sogar. Ist ein schöner Abend.
Im Dunkeln bauen wir dann in einem kleinen Birkenwäldchen unser Zelt auf. Und ja, jetzt gehen wir noch schwimmen. Ist am Anfang frisch, dann aber doch nicht so kalt wie gedacht. Und auf alle Fälle eine Bereicherung am Abend.
Frisch gebadet kriechen wir 21:00 Uhr in unser kleines Lieblingszelt. Mitternacht steht der Vollmond hell am Himmel. Da muss ich doch glatt mal aufstehen und den Nachtmodus an meinem Handy probieren.
Dresden – Pirna – Königstein – Bad Schandau – Kirnitzschtal – Hinterhermsdorf – Krasna Lipa . Waltersdorf – Olbersdorf – Hartau – Kristýna / Christinasee | 103,4 km | 670 m ↑ 600 m ↓
Den Marker habe ich mal auf Schönlinde / Krasna Lipa gesetzt, weil wir da so eine schöne Pause gemacht haben. Diese ganze tschechische Ecke nach Deutschland rein ist der Schluckenauer Zipfel.


























