Radtour ins Isergebirge: Dümmster Aufstieg aller Zeiten

Im Prinzip ist die Radtour hoch ins Isergebirge auch trotz der steilen Anstiege wunderschön. Aber die letzten paar Höhenmeter…

Zeltplatzglück ohne Frühstück

Ach, so ein Morgen im Wald ist nach der gestrigen Radtour durch den Schluckenauer Zipfel doch schön. Wobei das eigentlich kein Wald, sondern ein offizieller polnischer Campingplatz ist.

Packen schon 8:00 Uhr alles zusammen und verstauen unser Ultraleichtzelt, die Isomatten und Schlafsäcke sowie das bisschen Kram auf den Fahrrädern. Jeder hat zwei Ortlieb-Fahrradtaschen, das reicht für das kleine Vaude Hogan nebst Zubehör.

Das Morgenbad lassen wir ausfallen. Und auch das Frühstück am Zelt.

Der Plan ist, in der Kneipe zu frühstücken. Aber von dem Frühstücksversprechen von gestern Abend will heute früh niemand mehr etwas wissen. Gibt nicht mal eine heiße Schokolade oder wenigstens einen Tee für uns. Alles nur für Hausgäste. Also fahren wir mit einem Brötchen in der Hand so in den Sonnenaufgang.

Radtour die Neiße hoch

Schon bald radeln wir über die Neißebrücke wieder zurück nach Tschechien. Ein einziges Hin und Her hier am Dreiländereck.

Ist nur bisschen frisch mit den kurzen Hosen und dem dünnen Pullover. Aber für Regenhosen ist es wieder zu warm. Und was anderes habe ich nicht mit. Naja, geht schon.

Trotzdem müssen wir mal was Essen und vor allem Tee kochen. Doch erst in Chotyně / Bad Ketten kommt ein brauchbarer Frühstücksplatz. Da sitzen wir auf einer Bank in der Sonne, kochen Tee und essen Brötchen mit Honig. Von Bad Ketten weiter, immer weiter die Neiße hinauf. Hatte ja mal den Plan, die Lausitzer Neiße von Liberec / Reichenberg aus zu paddeln. Das scheint aber eine ganz dumme Idee zu sein. Zumindest bei diesem Wasserstand.

Wir kommen auf einer kleinen, aber so gut wie gar nicht befahrenen Straße gut voran, auch wenn es einige ganz schöne Anstiege gibt. Ab Bílý Kostel nad Nisou (Weißkirchen an der Neiße) verlässt der Radweg die Straße und schlängelt sich nun völlig separat direkt durch die Flussauen. In Chrastava (Kratzau) fahren wir am hübschen Marktplatz fast direkt an einem Sport- und Fahrradladen vorbei. Kaufe meinem Jüngsten trotz Protest eine gepolsterte Radhose und neue Lenkergriffe sowie mir ein langes Radtrikot. Die alten, klebrigen Griffe ersetzen wir gleich vorm Laden, ziehen alles an und sind begeistert.

Die Radnavigation von mapy.cz ist wieder ganz nett, führt uns in Chrastava aber gemeinerweise extra auf einem Umweg um die Ecke, damit wir 100 m hart gepflasterten Radweg „genießen“ können. Da hätten wir ja sonst echt was verpasst, wenn wir auf der Straße geblieben wären.

LIAZ und Tatra

Am nächsten Abzweig von der Hauptstraße bin ich daher etwas misstrauisch und schaue erst mal auf die Karte, denn da sollen wir plötzlich steil rechts aus dem Tal der Jeřice (Görsbach) rausfahren, um eine Schleife abzukürzen. Aber wir entscheiden, dass wir den Anstieg machen und eben nicht auf der Hauptstraße bleiben, da die jetzt schon stärker befahren ist.

Zum Glück treffen wir die Entscheidung zusammen, denn der vermeintlich kurze Anstieg stellt sich als richtiger Stich mit mindestens 100 Höhenmetern heraus. Wir kämpfen uns jedenfalls ganz schön ab, sind aber irgendwann oben und erkennen, dass man von oben eine schöne Aussicht bis zum Jeschken hat.

Dazu steht in einem Garten ein alter, mittlerweile selten gewordener Škoda-LIAZ 706 MT, aber ich schwöre, dass ich das nicht wusste und nicht deswegen für diese bergige Abkürzung gestimmt habe.

LIAZ Škoda 706 MT Frontlenker-Fahrerhaus

LIAZ Škoda 706 MT Frontlenker-Fahrerhaus

Und nein, ich wusste auch nichts von dem Tatra 148 CS25, der an der Abfahrt steht. Hier war ich echt noch nie. Aber unser Vertrauen in die Fahrradnavigation wird belohnt, denn ab Kratzau schlängelt sich der Radweg D22 über kleine, wunderschöne Nebenstraßen immer weiter hoch ins Isergebirge.

Der alte Spruch der Freiwilligen Feuerwehr Buschullersdorf (heute Oldřichov v Hájích) ist auch nett: Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr.

Anstieg ins Isergebirge

Wir kaufen am letzten Markt Wasser und 2 Liter Kofola, von der wir dummerweise auch gleich an Ort und Stelle die Hälfte austrinken. Aber es ist ja schon 11:40 Uhr und eigentlich langsam Mittagszeit. Verspeisen also auch noch zwei Äpfel. Das Timing für diesen Imbiss ist jedoch denkbar schlecht, denn der Radweg D22 geht jetzt richtig hoch. Meter für Meter pedalieren wir uns durch die dichten Buchenwälder des Isergebirges nach oben.

Mein Fünfter wartet zum Glück ab und zu auf mich, meldet aber Hunger an.

Ist echt traumhaft hier, obwohl wir beide im kleinsten Gang fahren und auf den 17 Kilometern bis zum Kiosk am Siechhübel (Jizera) 590 Höhenmeter bewältigen müssen.

Rast am neuen Wittichhaus

Nach 7 km und 1 Stunde bergauf fahren sind die ersten 400 Höhenmeter geschafft und es geht wieder ein Stück relativ flach auf dem Isergebirge dahin, manchmal sogar wieder runter, prinzipiell aber immer noch weiter hoch. 13:40 Uhr stehen wir am Kiosk unterhalb des Siechhübels, doch der angepeilte Schotterweg direkt runter zum Wittichhaus ist für Fahrräder gesperrt.

Da fahren wir eben den längeren Weg außen rum. Der ist dafür durchgängig asphaltiert und so sausen wir echt schnell runter.

Hatte eigentlich ein Mittagessen im Keller des wegen Hausschwamms abgerissenen Wittichhauses erwartet, aber seit meinem letzten Besuch im März 2022 ist hier alles neu. Bin ganz überrascht und völlig begeistert vom neuen Wittichhaus, das seit April 2023 in Betrieb ist. Ist echt schön geworden. Auch die Selbstbedienungstheke ist hübsch gemacht. Und obwohl alles neu ist, schmecken die Blaubeerknödel wie immer. Wir sitzen also in der Sonne und sind schon fast am Ziel.

Klein-Iser

Aber noch müssen wir über den Berg rüber nach Klein-Iser.

Und dann geht es auf der anderen Seite schön runter und ins Hochmoor. Auch hier ist der Steg neu gebaut.

So ein Hochmoor ist schon erstaunlich. Ist ja eigentlich nur ein riesiger Grasteppich auf einem See.

Die letzten Meter in Klein-Iser sind ein Heimspiel.

Wir sind ja hier im richtigen Gebirge mit richtiger Bergwacht im richtigen Land Rover.

Leider nur kriegen wir im Hotel Pyramida weder Kakao noch einen Eisbecher. Und gegessen haben wir ja auch gerade. Sitzen also nur davor, lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen und überlegen, was wir nach der Zielerreichung nun noch so machen.

Crosstrail zur Zimmerlehne

Hab die Idee, zu einer Höhle oben an der Zimmerlehne zu fahren. Also Abfahrt.

Schon die Asphaltstrecke ist steil und unbeliebt.  Und der eigentlich dumme Anstieg kommt erst noch. Aber irgendwo müssen wir ja schlafen.

Das letzte Stück hoch zur Zimmerlehne stellt sich aber nicht nur als dumm heraus, sondern als total bescheuert und doof. Große Steine, tiefe Rinnen, hohe Blaubeerbüsche, dicke Wurzeln, alles dabei. Absolut blöd. Dabei hatte ich nur einen dummen Weg versprochen.

Gerade das letzte Stück ist so schlimm, dass wir die Taschen abmachen und die Fahrräder zu zweit tragen müssen. Hab selber schon die Nase voll, aber was sollen wir machen, zurückzugehen, wäre noch dümmer. Also heißt es wiedermal: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Biwak unterm Fels

Dafür gibt es aber tatsächlich eine Höhle an der Zimmerlehne. Naja. Höhle ist ein bisschen viel gesagt. Ein Felsüberhang ist es.

Aber von den Felsen hat man eine schöne Aussicht übers ganze Isergebirge.

Mache dann die Bushbox an. Dauert zwar ein bisschen, bis das Ding brennt, und der Topf verrußt wie verrückt, aber die Suppe wird heiß, kocht und schmeckt. Und das alles bei 150 g Systemgewicht. Nur die Extranudeln fehlen, denn die habe ich aus Gewichtsgründen auch zu Hause gelassen. Doch wir haben genug Brot und Käse und Würstchen und Senf und alles Mögliche.

Sehen von der Zimmerlehne schön den Sonnenuntergang.

19:30 Uhr wird es frisch und wir machen unser Bettchen unter dem Felsvorsprung. Jetzt bin ich bloß noch gespannt, ob mein dünner, aber ultraleichter Schlafsack für die Nacht ausreicht. Und ob ich bei dem Sternenhimmel überhaupt jemals einschlafen kann.

Kristýna / Christinasee – Hrádek nad Nisou / Grottau- Chrastava / Kratzau – Mníšek / Einsiedel im Isergebirge – Oldřichov v Hájích / Buschullersdorf – Smedava / Wittichhaus – Pyramida – Jeleni Stran / Zimmerlehne | 56,9 km | 160,3 km gesamt | 1.059 m ↑ 294 m ↓

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