Norwegen: In FlipFlops aufs Kirchendach
Auch bei schönstem Wetter ist die Besteigung der Kyrkja eine richtige Hochgebirgstour, die jederzeit kippen kann.
Die richtige Ausrüstung für den Kirchenberg
Nach der gestrigen Anstrengung auf dem Sognefjellsveien gab es heute noch nicht einmal den Plan, für die Besteigung der Kyrkja zeitig aufzustehen. Die ist ja nur 2032 m hoch und wir stehen ja schon im Basislager an der Hütte Leirvassbua bei 1400 m. Auch das Frühstück zieht sich. In der Zwischenzeit kommen heute am Sonntag viele Fahrzeuge. Die Leute strömen regelrecht hoch zur Kykja. Das verleidet mir den Aufstieg natürlich ein bisschen. Die Verzögerung kommt ja nicht von ungefähr, denn ich verhalte mich immer gern antizyklisch. Sind jedenfalls so spät fertig, dass man eigentlich fast schon wieder zu Mittag essen könnte. Aber weit ist die Kyrkja ja sowieso nicht. Lugt direkt hinterm Bus hervor.
Also ich hätte den vielleicht Schlafmützenberg genannt. Eine stolze Kirche sehe ich jedenfalls nicht. Vielleicht eine verunglückte Eiskirche, die gerade am Zerschmelzen ist. Denke nur über solchen Quatsch nach und komme erst an der Leirvassbua (Bua heißt Hütte) auf die Idee, dass wir trotz des strahlend blauen Himmels ja vielleicht Regenjacken mitnehmen sollten. Oder zumindest warme Pullover, denn auf 2000 m wird das Wetter schon anders sein als hier unten. Lange Hosen hingegen sind überbewertet.
Wenigstens ich hab zumindest halbe Bergschuhe an, während mein Jüngster für die Besteigung der Kyrkja FlipFlops gewählt hat. Frag mich nur, was die Leute denken. Aber die Norweger sind da entspannt und amüsieren sich höchstens. Und um die Kälte mache ich mir auch keine Sorgen. Er war gestern im Gletschersee baden, da sind FlipFlops im Schnee doch Pillepalle.
Und wenn Kletterpassagen kommen, müssen die Jungs halt zurück. Da mache ich mir auch keine Gedanken. Aber kommt, Jacken müssen sein. Laufe also schnell nochmal zurück und verzögere den Start der Flipflop-Expedition auf 11:50 Uhr.
Aber auch Sneaker und Barfußschuhe sind nicht unbedingt die idealen Fußbekleidungen für Schneefelder. Da bin ich mit meinen Meindl-Schuhen und den Falke-Socken schon regelrecht expeditionsmäßig ausgerüstet. Vor allem, weil diese Wanderschuhe auf den Felsen nicht rutschen. Wenn ich die in Tunesien angehabt hätte, wäre bei meinem Sprung über den Wasserfall überhaupt nichts passiert.
Klettern auf die Kyrkja
Jedenfalls ist der Aufstieg zur Kyrkja über eine Bergschulter, durch eine Senke und über ein paar Schneefelder kein großes Problem.
Und trotz der vereisten Bergseen sind heute bestimmt 20 Grad Celsius.
Aber klar, man kann jeden Spaziergang so fotografieren, dass er wie eine ultraschwierige Bergexpedition aussieht. Man darf halt nur nicht auf die Fußbekleidung gucken.
Allerdings zeigt sich, dass Schneefelder bei der Hitze durchaus anspruchsvoll sind. Denn bei einer kleinen Wegabweichung bricht der Jüngste ein. Für sich genommen ist das ja unproblematisch, aber beim Rausziehen zerreißt ein FlipFlop.
Kann den zwar dank des mitgeführten Erste-Hilfe-Sets reparieren, aber die Jungs nehmen das als Anlass für den Abbruch der Bergexpedition und laufen zurück. Der Bergstock türmt sich nämlich nun schon ganz schön beachtlich vor uns auf. Ob ich den als einfacher Tourist mit Halbschuhen, kurzer Hose und Lederhut überhaupt schaffe?
Zum Gipfel der Kyrkja
Auf den Gletschern der Umgebung sind zwei Gruppen mit Rentieren mit Geweihen zu sehen. Sowie ein seltenes Exemplar mit Hut und Handy.
Bei einer Entfernung von ungefähr 1500 m zeigen sich aber echt die Grenzen der Handyfotografie. Naja, zumindest sieht man, worum es sich bei den kleinen schwarzen Punkten am gegenüberliegenden Berghang handelt. Aber ich weiß, statt 100fachem Handyzoom bräuchte ich echt mal ein Fernglas.
Auf der Mitte des Gipfelanstiegs zur Kyrkja gibt es ein paar dumme, ausgesetzte Stellen, aber ich hab ja nur meinen kleinen Ortlieb-Rucksack und kein schweres Gepäck dabei. Da geht das.
Auf dem Gipfel der Kyrkja
Sind genau 15:15 Uhr oben auf der Kyrkja. Der Aufstieg von der Leirvassbua hoch zur Kykja verlangte somit 3½ Stunden für 550 Höhenmeter und 4 km. Der Ausblick von der Kyrkja mit ihren 2032 m hat schon was. Hinter dem See ist die Leiradalstraße zu erkennen, wo der Bus steht. Den hundertfachen Handyzoom spare ich mir aber mal.
Ist ein schöner Rundblick. Die Kyrkja ist zwar nicht der höchste Berg in Jotunheimen, steht aber ziemlich frei. Ich dachte, wir würden den Tyin-See sehen, wo wir vorgestern baden waren. Aber wir müssen eine andere Bergspitze gesehen haben.
Bleiben jedoch nicht lange auf der Kyrkja, da mir die Wolkenbildung nicht gefällt. Runter ist immer dumm, kriegen aber die steilen Stellen trotzdem schnell überwunden. Ich will durch den Schnee abfahren, traue mich dann aber wegen meines frisch verheilten Fußes nicht. Will das Glück nicht überstrapazieren. Doch kaum bin ich unten, hat jemand anderes diese Idee und setzt sie erfolgreich um. Cool.
Der eigentliche Auf- und Abstieg vom Fuß zum Gipfel der Kyrkja dauert hoch und runter zwei Stunden.
Nachdem wir wieder unten sind, ist das Gröbste vorbei. Wir essen noch mal was und machen uns über die Schneefelder und Blockstufen zurück zur Hütte. Währenddessen zeigt das Wetter, dass Jotunheimen schon ein richtiges Hochgebirge ist.
Gewitter im Leiradal
Unterwegs warne ich die Jungs schon mal vor. Aber nicht vor dem heraufziehenden Gewitter, sondern dass wir gern was zu Essen hätten. Die beiden sind in der Zwischenzeit in der Hütte, gehen aber schnell zum Bus und setzen Kartoffeln auf. Und als wir 17:45 Uhr zurück am Bus sind, wird gerade Kartoffelsalat fabriziert. Laufe schnell noch dreimal mit dem 10-Liter-Kanister zur Leirvassbua und hole Trinkwasser, bevor 19:00 Uhr ein Gewitter runterbricht, wie es im Buche steht. Regen, Blitze, Donner – alles dabei. Ja, ich weiß und hab’s verstanden: Achte im Hochgebirge auch bei schönstem Wetter immer auf ordentliche Ausrüstung!
Obwohl der Regen langsam nachlässt, verabschieden wir uns 20:00 Uhr von der Leirvassbua.
Die Leira führt nach dem kräftigen Regen richtiges Hochwasser.
Lom
Rolle runter nach Lom, einem hübschen Städtchen mit Supermarkt, Stabkirche und Kreisverkehr. Sowie mit Abwasser– und Urinentsorgung. Diesen Komfort vermisse ich in Deutschland wirklich. Im Foto sieht man übrigens schön, wo ich immer die 11-sprossige Auszugsleiter verstaue, die ich fürs Dachgepäck brauche. Und dass links statt der Sandbleche diesmal die Fahrradträger Nummer 5 und 6 montiert sind. Denn ursprünglich gab es mal den Plan, nicht nur 2 Paddelboote, sondern zusätzlich alle Fahrräder auf dem Heckträger mitzunehmen.
Nach dem Gewitter an der Kyrkja wird das Wetter besser und das Sättigungsgefühl geringer, so dass wir den Bus stehen lassen und zur schon entdeckten Pizzeria laufen. Eine Pizza kostet zwar 26 €, ist aber riesig und reicht für zwei. Dazu ist Leitungswasser umsonst, und so kann ich mir auch ohne eigene Bohrinsel die Verköstigung meiner Familie in einer norwegischen Kneipe leisten.
Stabkirche Lom
Gehen noch zur Stabkirche Lom, drehen dort eine Runde und besichtigen den Friedhof.
Die Bøvra, in die ja weiter oben die Leira mündet, hat auch hier an der Stabkirche Lom gehörig Hochwasser.
Stellplatz Lom
Tja, was nun? Also auf einen Supermarktparkplatz stelle ich mich jedenfalls nicht. Und auch ein Stellplatz in Reih und Glied ist nicht so mein Ding. Hatte insofern schon in der Pizzeria die Erlaubnis eingeholt, dass wir ein Stück in die falsche Richtung fahren und dort auf einen altbekannten Stellplatz am Fluss gehen, der bei Park2gether zum Glück immer noch nicht drinsteht. Allerdings ist die Otta bedenklich angestiegen und überschwemmt unseren Strand.
Frage mich, ob der Fluss nicht noch weiter ansteigen wird. Doch bis zur Piste muss noch viel passieren und weder regnet es, noch ist nachts mit plötzlicher Gletscherschmelze zu rechnen.
Nur Baden fällt bei der starken Strömung aus. Und auch aus dem traditionellen Lagerfeuer wird nichts. Es ist einfach alles klitschnass draußen und die Mücken piesacken uns dann doch ganz schön.
Leirvassbu – Lom | Norwegen | 60 km | 2.574 km
Infos und Werbung
- Die Wanderhalbschuhe hab ich vor 3 Jahren gekauft (Meindl Journey Pro GTX): Klick
- Blasenfrei sind die aber nur mit Wandersocken TK1 Adventure WOOL (Falke 6714): Klick
- Regen- und Sonnenschutz sowie Deerboyfeeling bietet der Stetson Buffalo Western (Hut.de): Klick
- Dank Umbau zur Fahrradtasche taugt mein Rucksack für Büro und Berg (Ortlieb Velocity High Vis 23): Klick
- Unfallfrei aufs Tropendach komme ich mit der 11-sprossigen Auszugsleiter (Hailo T80): Klick
- Die Karte zeigt die Kyrkja mit ihren 2.032 m. Ist keine Kirche, aber ein schöner Berg im Nationalpark Jotunheimen.



























