Norwegen: Angst und Schrecken am Vøringsfossen

Rund um den großen Wasserfall Vøringsfossen artet der Tourismus ganz schön aus, was den Norwegern bitter aufstößt.

Vøringsfossen

Vøringsfossen

Massentourismus am Vøringsfossen

Nach der stillen Hardangervidda ist es schon komisch auf dem übervollen Parkplatz am Vøringsfossen. Damit wir wenigstens bei der Besichtigung des Wasserfalls nicht zur Klumpenbildung beitragen, gibt es ab Sonnenaufgang um 4 Uhr stündlich einen Wettercheck direkt aus dem Hubbett. Aber es ist nicht nur die Sonne nicht zu sehen, sondern man sieht nebelbedingt reinweg überhaupt nichts. Da macht ein früher Spaziergang zum Wasserfall natürlich keinen Sinn. Ganz im Gegenteil, ich muss den Aufenthalt auf dem Massenparkplatz am Vøringsfossen möglichst in die Länge ziehen. Gibt also erst 10:30 Uhr Frühstück.

Brötchen aufbacken am Vøringsfossen

Brötchen aufbacken am Vøringsfossen

Und während die 12 Brötchen Stück für Stück verspeist werden, beobachten wir draußen die ständig neu ankommenden Reisebusse. Mich fasziniert das immer, an solchen Hotspots zu sitzen und durch die schwarz getönten, absolut blickdichten Solarplexius-Vorsatzscheiben die Auswüchse des Tourismus zu beobachten.

Vøringsfossen im Nebel

Nur der Nebel wird und wird nicht lichter. 13:00 Uhr werde ich schon moralisch schwach und zweifle, ob wir überhaupt noch einen Fuß vor den Bus kriegen. Aber was muss, das muss. Und so eine Nebelsuppe hat ja auch was.

Aussicht auf den Vøringsfossen

Aussicht auf den Vøringsfossen

Direkt über dem Vøringsfossen reißen die Wolken dann doch ein wenig auf und geben den Wasserfall in voller Schönheit frei. Wenn ich die Hintergrundunschärfe nicht ganz so krass hochregle, schafft es mein Handy auch schon besser, eine richtige Kamera zu simulieren.

Storchschnabel am Vøringsfossen

Storchschnabel am Vøringsfossen

Derweil amüsieren sich die erwachsenen Kinder über ihren kindischen Vater.

Der Vater fotografiert den Storchschnabel am Vøringsfossen

Der Vater fotografiert den Storchschnabel am Vøringsfossen

Gefährliche Besucherbrücken am Vøringsfossen

Am Nachmittag sind rund um den Vøringsfossen wesentlich mehr Leute unterwegs als gestern Abend. Aber das tut der Schönheit von Wasserfall und Besucherbrücken keinen Abbruch. Freue mich vor allem an den nach der Topographie gebogenen und geschweißten Geländern, auch wenn die mit den waagerechten Rohren und den zu großen Abständen nicht ganz den deutschen DIN-Normen entsprechen. Ein Mädchen macht auch gleich den Aufstiegstest auf dem Zaun mit den waagerechten Streben. Also dieser Zaun ist zwar insgesamt sehr hübsch in die Natur eingefügt, aber definitiv keine geeignete Absturzsicherung für neugierige Jungs und Mädchen.

Kletterhilfenzaun am Vøringsfossen

Kletterhilfenzaun am Vøringsfossen

Die Brücke gefällt mir im Nebel fast noch besser als gestern, aber man merkt aufgrund der vielen Leute nicht mehr so die Grundschwingung aufgrund des Wasserfalls, sondern spürt nur noch das „normale“ Trampeln. Ist interessant, wie die Brücke im Felsen verankert ist, damit das dort senkrecht aufgeworfene Gestein nicht mitsamt der ganzen Konstruktion in die Tiefe stürzt.

Elegante Brücke über den Vøringsfossen

Elegante Brücke über den Vøringsfossen

Danach halten sich alle besonders kräftig an den Geländern fest. Aber gehen wir mal davon aus, dass die norwegischen Ingenieure in der Statikvorlesung aufgepasst und das schon richtig gerechnet haben werden.

Aussichtspunkt am Vøringsfossen

Aussichtspunkt am Vøringsfossen

Mich begeistert aber auch, wie der Nebel von der Hardangervidda runter zum Vøringsfossen fließt.

Hardangervidda am Vøringsfossen

Hardangervidda am Vøringsfossen

Wanderpfad vom Måbødalen zum Vøringsfossen

Parkplatz und Aussichtspunkte liegen ja oberhalb des Wasserfalls. Der Plan ist nun, an dessen Fuß vorzustoßen. Das ist aber nicht ganz so einfach, weil man dazu an der alten Serpentinenstraße erstmal 5 km halb ins Tal runter, dann am Fluss zurück zum Wasserfall und schließlich ja auch noch wieder zurück laufen muss. Heize also kurz den Motor vor und lasse den Bus durch eine schöne Tunnelspirale ins Tal rollen. Allerdings gleich ganz runter. Dort gibt es zumindest auf der Karte noch einen Parkplatz, der aber praktisch gar keiner ist, sondern maximal eine kleine, ungenutzte Parkgelegenheit. Da geht’s los. Und ohne danach gesucht zu haben oder überhaupt nur irgendwas dafür zu machen, bückt sich meine Tochter plötzlich und zieht ein vierblättriges Kleeblatt aus dem Gras. Wie üblich eben. Bei ihr reckt der Klee auch glatt mal 5 oder sogar 8 Blätter ins Licht.

Glücksklee am Vøringsfossen

Glücksklee am Vøringsfossen

Von der letzten Brücke im Måbødalen sind es knapp 3 km am Bjoreio entlang bis zum Vøringsfossen. Der alte Wanderpfad zwischen Fluss und aufgegebener Straße wird aber kaum noch begangen und ist ziemlich zugewachsen.

Wanderpfad zum Vøringsfossen

Wanderpfad zum Vøringsfossen

Das tut der Schönheit zwar keinen Abbruch, aber der Weg ist gerade über die Blocksteine eigentlich gar keiner mehr. Schwer zu finden und eine ziemliche Kletterei.

Verblockter Wanderpfad zum Vøringsfossen

Verblockter Wanderpfad zum Vøringsfossen

Aber zumindest verlaufen kann man sich auf der Wanderung zum Vøringsfossen nicht, denn an dem steilen Abhang gibt es nicht viele Möglichkeiten für Wege.

Wanderung zum Vøringsfossen

Wanderung zum Vøringsfossen

Ruinen der Wanderhütte Fossastovo

Landen dann knapp unterhalb der Aussichtsplattformen an der alten Ruine Fossastovo, von der nur der aus groben Steinen gesetzte Keller übrig ist. Darauf stand ausweislich des Schildes ab 1850 mal eine Hütte mit Platz für fünf bis sechs Wanderer, die aber irgendwann abgetragen und an besserer Stelle wieder aufgebaut wurde.

Hüttenreste am Vøringsfossen

Hüttenreste am Vøringsfossen

Gesperrte Hängebrücke über den Vøringsfossen

Die von oben schon gesehene Hängebrücke über den unteren Vøringsfossen ist leider gesperrt. Die Stahlseile über den Fluss würden schon halten, aber das Holz ist ein bisschen morsch. Also gehen wir noch ein Stück weiter hinter, um eine Badestelle zu finden. Die „Kinder“ hatten wirklich die Vorstellung, im Strudelbecken des Wasserfalls zu baden und sich am besten noch im herabstürzenden Wasser zu duschen. Bezüglich dieses Wunsches hatte ich aber keine Angst, weil vor Ort schnell klar wird, dass man sich niemals unter das herabdonnernde Wasser stellen kann.

Gesperrte Hängebrücke unterhalb des Vøringsfossen

Gesperrte Hängebrücke unterhalb des Vøringsfossen

Viel mehr Angst habe ich vor kleinen Jungs, die von oben Steine runterschmeißen, denn wir sind mittlerweile fast genau unter den Aussichtsplattformen.

Aussichtsplattformen des Vøringsfossen

Aussichtsplattformen des Vøringsfossen

Und es scheint sogar welche zu geben, die ganze Radlader über die Felsen werfen.

Reste eines Radladers am Vøringsfossen

Reste eines Radladers am Vøringsfossen

Abschied vom Vøringsfossen

Wir gehen also weder über die gesperrte Hängebrücke noch unterhalb der Felsen direkt bis an den Wasserfall.

Vøringsfossen von unten

Vøringsfossen von unten

Dazu wird es langsam regnerisch und ungemütlich, so dass wir noch nicht einmal die durchaus vorhandenen Badestellen nutzen. Und dabei haben 40% der Wanderteilnehmer bereits die Badelatschen an.

Ideale Wanderausrüstung am Vøringsfossen

Ideale Wanderausrüstung am Vøringsfossen

Auf dem Rückweg klettern wir hoch zur alten Straße. Die fällt zwar langsam ein, aber wir kommen trotzdem schnell voran. Wesentlich schneller jedenfalls als auf dem Hinweg.

Alte Straße zum Vøringsfossen

Alte Straße zum Vøringsfossen

Das unscheinbare Simadal

Dann wollen alle unbedingt auf den Campingplatz am Jostedalsbreen und ich soll da sofort direkt schnell hinfahren. Aber bis zu diesem Touri-Gletscher sind es 500 km und ich rechne mal vor, was wir so alles noch vorhaben. Besser gesagt, was ich so vorhabe. Brauche bis zum Gletscher noch mindestens fünf Tage. Mittlerweile stellt sich nämlich heraus, dass das Bedürfnis zu paddeln eher gering ist und ich die Norwegen-Besichtigung etwas intensiver anlegen kann.

Mercedes 711D am Wanderweg zum Vøringsfossen 711

Mercedes 711D am Wanderweg zum Vøringsfossen 711

Bei Regen ist es in Norwegen zwar eigentlich am schönsten, mit dem Bus in der Gegend herumzufahren, aber trotzdem liegt mein nächstes Reiseziel nur 15 km weg. Abgesehen davon, dass es sowieso schon 19:30 Uhr ist, bietet das Simatal ein riesiges Kraftwerk, einen weiteren Wasserfall sowie einen Bergbauernhof weit oben über dem Fjord.

Unten am Eidfjord liegt ein Kreuzfahrtschiff im kleinen Hafen. Sieht zwar komisch aus, aber auch beeindruckend. Nur sind die Norweger vom Massentourismus schon ziemlich genervt, was selbstverständlich nicht nur Kreuzfahrtschiffe, sondern auch Wohnmobile umfasst. Wahrscheinlich sind die Massen an Wohnmobilen sogar noch schlimmer als mal ein Kreuzfahrtschiff. Und so zeigen kleine Schilder auf jedem freien Platz die Abneigung gegen Wohnmobiltouristen.

Erst am Ende einer steilen Schotterstrecke stehen ein paar Camper. Zunächst ein Land Rover und weiter oben in einem Kreisel noch ein VW Bus sowie etwas versteckt ein tschechischer Skoda mit Dachzelt. Naja, und ich eben, wobei ich selbst ja der schlimmste Tourist bin, weil ich auch noch öffentlich Werbung für diese Art des Reisens mache. Also, hier ist alles Kacke, es regnet, der Boden ist schlammig und durch den dummen Nebel ist von der Hardangervidda überhaupt nichts zu sehen.

Mercedes 711D auf dem Stellplatz im Simadal

Mercedes 711D auf dem Stellplatz im Simadal

Aber es gibt eine schöne Badestelle.

Badestelle im Simadal

Badestelle im Simadal

Dort sind zwar nur 5,4 Grad, aber so kommen wir zu einem Reinigungsbad, das auch dringend nötig ist. Reinigungsmäßig passiert bei kaltem Wasser zwar nicht viel, aber zumindest fühlt man sich erfrischt.

Badetemperatur im Simadal

Badetemperatur im Simadal

Am Abend hat unsere Anwesenheit dann doch noch einen kleinen positiven Effekt, weil zwei Wanderinnen über den Gletscher Hardangerjøkulen runterkommen, von denen eine gestürzt ist und sich neben einer Platzwunde an der Schläfe den Fuß lädiert hat. Zum Glück ist der Mann im weißen VW Bus Notfallsanitäter und begutachtet die Verletzungen ganz professionell, während ich den beheizten Behandlungsraum sowie die Kohlenhydrat- und Teezufuhr sicherstelle. Die Frauen sind aber ganz tough und wollen nicht ins nächste Krankenhaus gebracht werden, sondern erstmal hier in Ruhe zelten.

Vøringsfossen – Øvre Eidfjord – Eidfjord – Simadalsvegen – Simadal | Norwegen | 32 km | 2.038 km

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert