Dolomiten: Sternstunden an der Pisa-Hütte
So ein Bergwandertag ist wirklich schön. Aber es sind die Hochgebirgs-Nächte wie im Latemar, die am meisten beeindrucken.
Der mieseste Biwakplatz aller Zeiten
Ich hatte ja gestern Abend nach dem Aufstieg über den Leiferer Höhenweg schon ein schlechtes Gefühl, aber das hier ist wirklich der mieseste Biwakplatz aller Zeiten. Gut, die Wanderung von Bozen hier hoch war lang und wir mussten irgendwo zelten. Wenn man dann keine Hängematte hat, bleibt am Steilhang nur der Platz neben dem Asphalt. Ist zwar keine Durchgangsstraße, aber 5 Autos sind 5 zu viel. Einer hupt, einer fährt zurück, um zu gucken, aber letztlich sagt keiner was. Das ist das Gute an so einem Hightech-Zelt in Vaude-Grün. Da wird man nicht verwechselt. Wer sowas hat, den lässt man gern in seinem Vorgarten zelten. Hocke dennoch schon 7 Uhr vor dem Zelt, koche Teewasser und beruhige die Anwohner mit meinem seriösen Erscheinungsbild.
Aus der Kartusche kommt bei der Kälte kaum noch Gas, aber wenn ich die mit beiden Händen aufwärme, geht es wieder. Toaste dabei auf dem Topfdeckel die gestrigen Brötchen. Und es gibt mit Nudossi, Honig oder sogenannter Leberwurst sogar Wahlaufstrich.
08:00 Uhr sind Zelt, Isomatten und Schlafsäcke verstaut sowie die Zähne geputzt. Duschen im Rinnsal neben der Straße war gestern Abend schon dran. Das reicht.
Straßenwanderung
Weiter geht’s auf der kleinen Waldstraße in Richtung Latemar. Prüfe immer, ob es nicht einen besseren Zeltplatz gegeben hätte. Erst diese Wiese nach ein paar Kilometern wäre besser als unser Drecksplatz gewesen. Doch es war gestern Abend einfach schon zu spät. Egal, abgehakt.
In Rauth tanken wir an der Bushaltestelle heißen Tee aus der Thermoskanne. Und obwohl es ziemlich kalt ist, zieht sich unser Jüngster schon aus.
Ab Rauth muss bzw. will ich ein Stück Straße laufen, denn der Wanderweg macht eine spitze Zacke nach links und kommt dann doch wieder zur Straße. Das ist mir zu doof. Komischerweise ist am frühen Vormittag überhaupt kein Verkehr.
Endlich im Wald
Endlich geht’s in den Wald und auf einem schönen Weg steil hoch.
Auf 1500 m wird es auch mir zu warm, und ich ziehe die Schlafanzughose unter der Regenhose aus. Das Problem an den dicken Wandersocken von Falke ist, dass man damit zwar auch mal auf kalten Steinen stehen kann, ohne gleich zu frieren. Aber man merkt die Feuchtigkeit zu spät. Stelle mich also lieber auf die Bergschuhe.
Könnte natürlich auch eine Isomatte rausholen und mich da drauf stellen, aber ich muss schnell machen. Denn man kann nicht einfach im kalten Wald stehen bleiben. Man muss laufen.
Auf einem Almboden Pause an einer schönen, trockenen Holzbank. Die ist zum Umziehen ideal. Solange hätte ich das nicht mehr ausgehalten.
Gepäcktransport in Familie
Hab übrigens im dritten Versuch einen Frauenrucksack gekauft, der auch wirklich auf Begeisterung stößt. Da stimmt jetzt alles.
Gute Rucksäcke für die ganze Familie sind allerdings nicht ganz uneigennützig, denn so verteilt sich das Gepäck besser.
Nach 150 Höhenmetern nochmal Pause, diesmal sogar in der Sonne. Ideale Bedingungen also, um das Zelt zu trocknen. Das Material verträgt das zwar, aber ein nasses Ultraleichtzelt wiegt mehr.
Keine Versorgung im Latemar
Genau 12:00 Uhr auf 1.800 m an der Lanerhütte die nächste Pause. Aber die Hütte hat zu. Nix mit Mittagessen.
Wieder laufen, wieder Pause. Diesmal auf 1900 m, denn der Hunger drückt. Es gibt ja nicht viel. Brot, Butter, Nudossi und Honig müssen reichen. Leider ist die Leberwurst ohne Leber schon alle. Hätte nicht gedacht, dass sowas schmeckt.
Die Mayrl-Alm auf 1990 m hat auch geschlossen. Hätte vielleicht mal doch eine Packung Nudeln mitnehmen sollen.
Aber wenigstens gibt es genug Wasser. Hier kommt schon fast zu viel. Weiter oben im Latemar wird es trocken, also müssen wir ab jetzt 6 Liter Wasser zusätzlich schleppen. Dafür sparen wir Gewicht an den Trinkflaschen. Ich verstehe wirklich nicht, warum jemand „richtige“ Trinkflaschen kauft, wenn die schwerer, teurer und dümmer zu reinigen sind als eine einfache Pfandflasche im Umlauf. Aber jeder wie er mag.
Endlich Hochgebirge
Der eigentlich angedachte Weg hoch auf das Latemar ist gesperrt. Wer weiß, was da wieder los ist. In den Dolomiten fällt eben ständig irgendwo irgendwas runter. Der ganze Klimbim ist doch völlig porös und will wieder zurück ins Meer.
Müssen also erstmal ein Stück auf halber Höhe um den Berg herumlaufen.
Bei einer Pause lasse ich mein Lieblingstuch liegen und muss noch mal 100 Höhenmeter zurück.
Das ist vor allem deswegen dumm, da es hier oben recht frisch ist. Da kann man nicht lange stehen bleiben. Also laufen alle schon mal langsam weiter, während ich runterflitze und mein Tuch hole. Fühle mich ohne den sonst obligatorischen Rucksack gleich wie ein junger Hüpfer.
Auf 2.500 m müssen wir noch mal was essen. Kurz vor dem Gipfel ist es ein bisschen windgeschützt und man kann im warmen Gras sitzen. Allerdings nicht ungestört, denn die Alpendohlen wollen auch was abhaben.

Muss auch wieder was drüberziehen, denn hier liegt schon der erste Schnee.
Rifugio Torre di Pisa auf dem Latemar
Die letzten Meter über die Felsen.
16:10 Uhr sind nach 8 Stunden die 1.431 m Anstieg hoch aufs Latemar geschafft. Eine heiße Schokolade und ein Kaiserschmarrn wären jetzt echt super.
Aber leider ist die Pisa-Hütte geschlossen. Offen ist nur der Winterraum, der namensgemäß winterlich kalt ist.
Sonnenuntergang an der Pisaturmhütte
Abends sackt die Temperatur schnell ab, und es weht ein ziemlich frischer Wind.
Aber Aussicht und Sonnenuntergang an der Pisa-Hütte sind einfach nur spektakulär.
Gibt sogar ein kleines Alpenglühen.
Dazu füllt eine dichte Wolkendecke langsam die Täler ringsum.
Nacht über der Latemarhütte
Ja, dann machen wir noch ein bisschen Hygiene und ziehen alles an, was wir haben. Selbst ich trage zwei T-Shirts, zwei Pullover, eine Unterhose und die Wollwanderzweitsocken. Hab nämlich nur den dünnen (aber eben auch extrem leichten) Vaude-Halbschlafsack mit. Für den Rest der Familie wage ich aber keine Kompromisse. Da gibt es dicke Winterschlafsäcke. Und ob man müde ist oder nicht, da muss man jetzt rein. Bei der Kälte kann man nur laufen oder im Schlafsack liegen. Was anderes hält man nicht lange aus.
19:00 Uhr gehe ich noch mal raus, weil nach dem Sonnenuntergang der Mond aufgeht. Echt schön, aber wirklich kalt. Zumal ich aus lauter Faulheit keine Schuhe anhabe, sondern nur mit den dicken Falkesocken draußen rumturne.
Jetzt aber schnell wieder ins Bett. Bin allerdings noch lange nicht müde und diktiere die Chronik. Das ist immer so eine Art Gute-Nacht-Geschichte für die Familie. Und gerade als ich mit dem Diktat der Chronik fertig bin und alle schon schlafen, muss ich mich noch mit weltlichen Problemen befassen. Und obwohl ich unter der Decke telefoniere, sind alle wieder wach. Aber nach dem Telefonat ist recht schnell wieder Ruhe im Karton.
Nach 5 Stunden Tiefschlaf wache ich wegen zu viel Hitze auf. Ziehe also bis auf Unterhose und T-Shirt alles aus und denke mir, doch mal nach dem Mond schauen zu können. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Naja, egal. Schlüpfe diesmal wenigstens schnell in die Bergstiefel rein. Gefühlt ist es um 01:30 Uhr 10 Grad wärmer als am Abend. Aber das Thermometer zeigt unverändert 2°C. Da sieht man wieder einmal, was Gewöhnung ausmacht.
Infos und Werbung
- Wanderstrecke: Moos – Rauth – Laner-Hütte – Mayrl-Hütte – Rifugio Torre di Pisa auf dem Latemar | 12,8 km | 33 km gesamt | 1431,0 m ↑ 21,0 m ↓
- Der gelobte Frauenrucksack ist ein Osprey Eja 38: Klick
- Meine eigene Ausrüstung ist uralt (und bewährt), da gibt es bis auf die Regenhose nichts mehr (Vaude Monviso): Klick
- Und von den dicken blauen Wanderstrümpfen aus der Mondwanderung gibt es kein Foto (Falke TK1 Wool): Klick






























