ᐅ Gleitstein einstellen am MB 711: Vibrationen im Antrieb verhindern

Gleitstein einstellen ist laut Wartungsheft für die größeren Mercedes T2/LN1 mit der Hinterachse HL2 (MB 711/811/814) alle 2 Jahre vorgeschrieben.

Aufbau der Hinterachse HL2 mit Gleitstein

Beim T2/LN1 gibt es verschiedene Ausführungen der Hinterachse. Die schwächeren T2 neu wie Mercedes 609 D oder MB 508 D haben wegen der geringeren Motorleistung und Drehmomente nur die kleine Hinterachse ohne Gleitstein verbaut.

In den größeren T2N wie Mercedes 711 oder Mercedes 814 arbeitet die verstärkte Hinterachse HL2 mit Gleitstein (Baumuster 741.3 und 742.4).

Hab da fürs Verständnis mal eine Schnittzeichnung der Hinterachse HL2 zusammengekritzelt. Soll eine Draufsicht auf das Achsgehäuse der Hinterachse HL2 sein. Von vorn (hier von links) kommt die Gelenkwelle mit dem angeflanschten Kegelrad. Das Kegelrad treibt das Tellerrad und dieses die Ausgleichswellen und letztlich die Steckachsen an. Gegenüber des Kegelrads ist der Gleitstein mit Stellschraube verbaut.

Mercedes 711 Schnittzeichnung Hinterachse HL2 mit Gleitstein

Welche Funktion hat der Gleitstein beim T2/LN1?

Primäraufgabe der Stellschraube mit Gleitstein ist es, das Tellerrad von übermäßigen Beanspruchungen bei hohen Drehmomenten zu entlasten (Trzebiatowsky, Seite 839). Einfach ausgedrückt verhindert der Gleitstein, dass sich das Tellerrad bei Lastspitzen verbiegt.

Eine weitere Funktion des Gleitsteins ist, Schwingungen des Tellerrads im Differenzial der Hinterachse zu verhindern. Der seitlich links am Achsgehäuse gegenüber des Antriebskegelrads sitzende Gleitstein fängt diese möglichen Schwingungen des Tellerrads auf und verhindert damit Brummen und Vibrationen im Antriebsstrang.

Diese Schwingungen im Antriebsstrang entstehen, wenn der Gleitstein zu viel Spiel hat. Falls das Tellerrad sich bei Lastspitzen oder Lastwechseln verbiegen oder in Schwingung geraten sollte, kann der Gleitstein diese Schwingungen nicht begrenzen und es ist bei bestimmten Geschwindigkeiten mit erheblichen Vibrationen im Antriebsstrang zu rechnen.

Vor allem bergab hört man dann ein deutliches Brummen der Hinterachse und des ganzen Antriebsstrangs. Unter kontinuierlicher Last werden die Schwingungen meist geringer und auch das Brummen lässt nach. Die Vibrationen lassen sich schwer orten, da die Schwingungen des Tellerrads über die Kardanwelle auf den gesamten Antriebsstrang wirken.

Mercedes schreibt daher ein Wartungsintervall von 2 Jahren für das Einstellen der Stellschraube für den Gleitstein an der Hinterachse HL 2 vor (Wartungsheft, S. 25).

Vorbereitungen zum Gleitstein einstellen

Die Einstellschraube für den Gleitstein sitzt in Fahrtrichtung gesehen seitlich links vorne am Hals des Hinterachskörpers. Es gibt verschiedene Ausführungen. Die Stellschraube ist aber immer mit einer großen Kontermutter gesichert. Bei meinem Mercedes 711 ist die eigentliche Einstellschraube ein 12er Inbus, der mit einer 32er Kontermutter gesichert wird.

Also großes Kino. Mein erster Versuch, den Gleitstein einzustellen, scheitert kläglich. Die Kontermutter zuckt nicht. Erstmal den Rostschutz abkratzen. Unter dem Brantho sitzt das Rostschutzleinöl bombenfest. Kriege die Rostschutzbeschichtung kaum ab. Dann WD40 einwirken lassen. Und einwirken lassen. Und einwirken lassen.

Gleitstein einstellen an der Hinterachse HL2 des Mercedes 711

Gleitstein einstellen an der Hinterachse HL2

Gewinde der Einstellschraube säubern und mit WD40 tränken ist die halbe Arbeit. Zwei Wochen geht das jetzt so mit dem Wässern der Einstellschraube für den Gleitstein an meiner HL2. Aber heute ist es soweit.

Noch einmal das Werkzeug für das Einstellen des Gleitsteins zusammensuchen. 12er Inbus und 32er Maulschlüssel. Die normale 32er Nuss passt nicht. Müsste eine Langnuss sein. Habe ich aber nicht als 32er. Also Maulschlüssel. Und natürlich gehört zum wichtigen Werkzeug auch mein Handy. Musste extra die kleine Kamera für ein Ehrenfoto holen.

Gleitstein einstellen an der Hinterachse HL2 des Mercedes 711

Jetzt die Kontermutter an der Stellschraube für den Gleitstein lösen. Mann, das kann doch nicht sein, dass die Kontermutter so festsitzt. Nochmal aufrecht unter den Bus setzen. Einstemmen. Und von oben mit aller Kraft auf den Maulschlüssel drücken. Endlich. Die Kontermutter bewegt sich.

Aber die Kontermutter und die Einstellschraube nur leicht lösen, nicht rausdrehen. Innen sitzt ein Messingsstift, der auf keinen Fall herausfallen darf. Ansonsten kann man gleich das Differenzial aufmachen.

Gleitstein einstellen an der Hinterachse HL2 des Mercedes 711

Nun die Kontermutter mit dem 32er Maulschlüssel halten und die 12er Inbusschraube bis zum Anschlag reindrehen. Jetzt liegt der Gleitstein innen am Tellerrad an.

Anschließend die 12er Inbusschraube wieder 1/8 Umdrehung rausschrauben. Dadurch bekommt der Gleitstein den richtigen Abstand zum Tellerrad (0,2 mm lt. WHB Hinterachse, S. 8 + 38). Der Gleitstein soll ja nicht schleifen. Sondern das Tellerrad stützen und Vibrationen verhindern.

Inbusschraube gut festhalten und nun die Kontermutter festschrauben. Die Einstellschraube darf sich nicht mitdrehen. Mit einem normalen Inbusschlüssel wird das nichts. Da braucht man schon die halbzöllige Version für den Anschluss an größeres Gerät.

Ein Anzugsdrehmoment für die Einstellschraube am Gleitstein habe ich in meinen Unterlagen nicht gefunden. Gebe halt drauf, was mit dem langen Maulschlüssel geht. 30 kg auf einen 50 cm langen Schlüssel machen 150 Nm.

Gleitstein einstellen an der Hinterachse HL2 des Mercedes 711

Mache anschließend noch eine Markierung auf Achskörper, Kontermutter und Stellschraube. Damit man sieht, ob sich da was löst. Wer mag, markiert die Einstellschraube vor dem Einstellen des Gleitsteins. Ist immer interessant zu wissen, wieviel die Einstellschraube am Gleitstein nachgestellt wurde. Denn diese Wartungsarbeiten werden nur ganz selten erledigt.

Literatur und Werkzeug zum Gleitstein einstellen

  • Betriebsanleitung Mercedes T2 neu, A6685841096, S. 117: Klick
  • Wartungsheft Mercedes T2 neu, S. 25: Klick
  • Im Trzebiatowsky findet sich eine gute Erklärung (S. 839) und Schnittzeichnung (S. 838): Klick
  • 32er Maulschlüssel aus dem Schlüsselsatz BGS 9290: Klick
  • Kräftige 12er Inbusnuss mit halbzölligen Anschluss aus dem Set BGS 2242: Klick

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17 Antworten

  1. Frank sagt:

    Sehr cool, habe tatsächlich Vibrationen bei bestimmten Geschwindigkeiten und hatte mich schon damit abgefunden. Leider werde ich das Ergebnis erst nach der Winterpause testen können. Zum lösen fester Schrauben bekam ich mal den Tip Bremsflüssigkeit mit WD40 zu mischen – eigentlich für Glühkerzen – werde ich gleichmal testen…

  2. Tom sagt:

    Zum Lösen fester Schrauben habe ich auch schon mit einer Mischung aus Aceton und ATF-Öl gearbeitet. Ist halt immer dann sinnvoll, wenn man große Mengen braucht.

    Und zu den Vibrationen im Antriebsstrang: Die können natürlich auch von einer Unwucht in den Rädern stammen. Aber der Gleitstein ist bei den meisten Bussen lange nicht angefasst worden. Ein Nachstellen kann da nicht schaden.

  3. Anonymous sagt:

    Hallo Tom, wieder mal ein klasse-Artikel zu den Wartungsarbeiten! Herzlichen Dank. Wahrscheinlich wurde der Gleitstein nie angefasst. Wäre interessant zu wissen, wie weit Du den nach solch einem langen Wartungsintervall nachstellen musstest – kannst Du das noch rekonstruieren?
    Besten Gruß
    haubidü

    • Tom sagt:

      Meine erste große Wartung habe ich aus Zeitnot in der Mercedes-LKW-Werkstatt machen lassen. Die werden wohl den Gleitstein ordentlich eingestellt haben. Bin mir da aber mittlerweile nicht mehr so sicher. Glaube nur noch der Wartung, die ich selbst gemacht habe.

      Und die Idee mit der Markierung des vorherigen Zustandes ist mir auch erst danach gekommen. Denke, ich habe den Gleitstein eine halbe Umdrehung nachgestellt.

  4. Mark sagt:

    Der Gleitstein hat nichts mit Vibrationen im Antriebsstrang zu tun, sondern bei den größeren Motorvarianten verbiegt sich das Kegelrad, bzw. die Kegelradwelle unter Volllast im ersten Gang und diese Biegung soll der Gleitstein abstützen… Bei einem Reiselaster der keine 25 Tonnen den Berg im ersten Gang hochziehen muss, wird die Kegelradwelle niemals Kontakt zu dem Gleitstein bekommen, von daher ist ein Nachstellen in der Regel unnötig.

    • Tom sagt:

      Die Stützfunktion ist sicherlich auch da. Aber bei einem 6-Tonner mit 110 PS? Denke schon, dass die Vibrationen bei bestimmten Drehzahlen auch eine Rolle spielen. Gleitstein einstellen habe ich jedenfalls im Werkstatthandbuch mal als Abhilfe für die berüchtigten Schwebungen gelesen. Aber ich bin nun kein Kfz-Meister mit jahrzehntelanger Erfahrung.

      Doch wenn Mercedes das Einstellen des Gleitsteins an der Hinterachse HL2 aller zwei Jahren vorschreibt, dann wird das so gemacht.

      • Tom sagt:

        Mark, dein Hinweis hat mir jetzt keine Ruhe gelassen. Hab meine Literatur und insbesondere den Trzebiatowsky gewälzt. Und auf Seite 839 festgestellt, dass Du natürlich recht hast. Hauptfunktion des Gleitsteins ist das Stützen des Tellerrads bei hohen Drehmomenten. Aber irgendwo habe ich das mit den Vibrationen gelesen und mir sogar den Fachbegriff Schwebungen gemerkt.

        Egal, der Text oben ist ergänzt. Sogar um eine auf meinem Handy gekritzelte Schnittzeichnung der Hinterachse HL 2.

        Aber wie schon gesagt. Vorschrift ist Vorschrift. Vertraue da den Mercedes-Ingenieuren. Stelle also den Gleitstein regelmäßig nach.

        • Mark sagt:

          Nein, du stellst ihn nicht nach, sondern du drehst die Schraube nur rein und wieder raus, die Stellung wird dabei die gleiche bleiben 😉

          Der OM352 Motor im 613 hat 363NM, ich weis jetzt nicht wie die Übersetzung im ersten Gang ist, aber bei 5:1 sind das 1815NM und das hört sich schon anders an, als nur 130PS 😀 Das ganze mit Anhänger dran den Berg hoch, dann brauchts den Gleitstein… Sonst hat der eigentlich keinen Kontakt und keinen Verschleiß.

          • Tom sagt:

            Nee, hab schon nachgestellt. Schätze ne halbe Umdrehung. Also um 1 mm auf nunmehr 0,2 mm Abstand zum Tellerrad (1/8 Umdrehung). Denn es stimmt schon: Mein OM 364A liefert 358 Nm x 6,17 = 2.209 Nm im ersten Gang. Ist schon was.

            Aber klar, ohne Belastung drehst du die Einstellschraube für den Gleitstein 1/8 rein und wieder 1/8 raus. Dann ist alles okay. Vielleicht lässt man es dann beim dritten Mal. Aber soweit bin ich noch nicht.

    • Mo sagt:

      Gibt es denn noch etwas anderes, was für Vibrationen der Hinterachse verantwortlich sein kann? Bei unserem 711er von 1993 konnte man beim Hinterherfahren ganz deutliche Schwingungen der Hinterachse sehen, die ab Tempo 85-90 auftraten. Der Gleitstein ist es dann wahrscheinlich eher nicht, wenn ich das hier richtig lese.

      • Tom sagt:

        Bei solch komplexen Problemen wie Vibrationen im Antriebsstrang fange ich immer bei den einfachsten Lösungsideen an und arbeite mich dann schrittweise vor. Gleitstein nachstellen ist sicher kein Fehler. Dann die Räder auswuchten, Räder neu anschrauben, Bremstrommel prüfen, Radlager nachstellen.

        Vielleicht sieht man die Ursache für Vibrationen auch schon, wenn man die Achse mal hochnimmt und die Räder drehen lässt. Mit einem Kreidestrich auf dem Reifen kann man gut prüfen, ob der Reifen immer mit einer bestimmten Stelle nach unten zum Stehen kommt. Gerade, wenn das Vibrieren nur in einem bestimmten Geschwindigkeitsbereich auftritt, spricht viel für eine Unwucht der Räder.

        Erst wenn das alles geprüft ist, würde ich die Ursache jenseits der Hinterachse suchen. Federaugen, federbriden, Kardanwelle, Zwischenlager, Motorlager, Getriebelager. Das kann alles sein.

        Oder fahr mal ohne innere Motorabdeckung und sieh nach, ob der Motor auch vibriert.

        • Mo sagt:

          Hallo Tom,
          vielen Dank für die Tipps. Ich werde das mal soweit möglich selbst prüfen. Ich fange gerade erst an, mich mit dem 711er zu beschäftigen, daher freue ich mich über deine tolle Seite mit den vielen Anleitungen.

          • Tom sagt:

            Ach, ich mache das doch genauso, wie jeder andere auch. Ich lerne nur mein Auto kennen. Das mit dem Aufschreiben ist doch nur, damit ich meine Arbeiten auch ordentlich dokumentiere. Denn mittlerweile werden auch bei Mercedes die Experten für solche Fahrzeuge wie den 711er knapp.

  5. haubidü sagt:

    Interessante Diskussion…. Aber dass die 6-Liter-Maschine OM352 nur 5NM mehr abgeben soll als die 4-Litermaschine OM364A? Vielleicht kommt dann jemand auf die Idee und downsized das Maschinchen in den niedlichen Kurzhaubern oder den 1017ern .;-)

    • Tom sagt:

      Ach, Quatsch – das tut man doch dem Kurzhauber nicht an. Wenn Umbau, dann auf den OM 366 LA aus dem MB 1124. Der bringt 640 Nm und 240 PS. Nichts gegen den OM 364A. Aber der OM 366 LA im 711er – das wäre was. Müsste dann den Gleitstein aller 2 Monaten nachstellen…

      • Frank sagt:

        Das ist doch ne schöne Idee. Gibt’s den Sechszylinder im Kastenwagen oder muss dann der Kühlergrill über die Stoßstange wachsen?

        • Tom sagt:

          Nee, der Sechszylinder müsste nach innen wachsen. Gab es mal im Düdo. Wie Mark schon schrieb als OM 352 mit 130 Sauger-PS im MB 613. Da geht aber die innere Motorabdeckung fast bis zwischen die Vordersitze. Ein riesen Ding. Natürlich ein toller Wagen. Allerdings ist der MB 711 mit dem “kleinen”, aber aufgeladenen OM 364 A wesentlich ökonomischer zu fahren. Und auch nicht langsamer. Aber 6 Zylinder sind halt 6 Zylinder.

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