ᐅ Jizerka aus Sicht meiner Tschechien-Reiseführer von 1968 und 2016

Nach dem Urlaub in Jizerka (Klein Iser) muss ich mal nachschauen, was meine beiden Tschechien-Reiseführer von 1968 und 2016 zum Thema zu schreiben haben. Und welcher Reiseführer nun besser ist.

“Mein” erster tschechischer Reiseführer: ČSSR, 1968

1968. Prager Frühling. Es erscheint in Prag ein frühlingshaft froher, verschmitzt ironischer, deutscher Tschechien-Reiseführer. Ach Quatsch. Es heißt ja noch “ČSSR” für die gesamte Tschechoslowakei. Der Autor heißt ausgerechnet Alois Svoboda. Alois Freiheit. Der Name ist hier Programm.

Jizerka steht auf S. 187 im Tschechien-Reiseführer 1: Der Olympia von 1968

Jizerka steht auf S. 187 im Tschechien-Reiseführer 1: Der Olympia von 1968

Mein Vater hat den Reiseführer kurz nach Erscheinen gekauft und mit vielen Anmerkungen versehen. Irgendwann hatte ich den Reiseführer in der Hand. Bis heute nicht weggegeben. Auch von mir ist viel Gekrakel drin. Einer meiner allererst bewusst durchgelesenen Reiseführer. Nein, mehr. Ein Reiseroman, ein kleines Büchlein über ein nahes fernes Land: Die damalige Tschechoslowakei. Humorig geschriebene Beiträge, anregende Zeichnungen, differenzierte Betrachtungen. Unprätentiös und trotzdem so gebildet. Dieses Buch ist eigentlich die Blaupause für einen Reiseführer. Alleine die Einleitung (S. 7) ist eine Ode an das Understatement:

Falls Sie ein bißchen Geduld aufbringen, entnehmen Sie den weiteren Zeilen das flüchtig skizzierte Profil des Landes, ein bißchen (nicht ganz unsentimentale) Erdkunde mit ein paar statistischen Angaben und einer winzigen Dosis persönlicher Stellungnahme. Vielleicht hilft Ihnen das, um später so manche interessante Einzelheit in einer gotischen Kirche zu bemerken, oder mit höherem Genuß den Zauber einer mittelalterlichen Legende aufzunehmen, ein Stück Historie zu begreifen und den einen oder anderen Vorzug – gegebenenfalls auch Mangel – mit Verständnis aufzunehmen.

Tschechien-Reiseführer von Baedeker, 2016

Die Tschechoslowakei gibt es nicht mehr. Da könnte ich mir doch nach 48 Jahren mal einen neuen Reiseführer bestellen. Den von Baedeker. Wahrscheinlich kommt der meinem geliebten Original noch am nächsten. Auch da gibt man sich Mühe, nicht als Informationssammlung zu lukullischen und sparfüchsigen Sonderangeboten zu verkommen. Nicht nur so eine Art ausgedrucktes Internet zu sein. Sondern man arbeitet äußerst kreativ und vielseitig mit dem Medium Papier. Irgendwie muss so ein Reiseführer ja einen Mehrwert liefern. Denn wozu sonst braucht es einen papiernen Reiseführer? Wo doch alle Informationen wesentlich aktueller, besser und vollständiger auf jedem Handy zu finden sind.

Jizerka steht auf S. 234 im Tschechien-Reiseführer 2, dem Baedeker von 2016

Jizerka steht auf S. 234 im Tschechien-Reiseführer 2, dem Baedeker von 2016

Der Baedeker vermittelt einen haptischen und visuellen Eindruck davon, was gute Redakteure, Grafiker, Lektoren und Buchdrucker eines ehrgeizigen Verlages heute draufhaben. Und so ist der neuzeitliche Reiseführer weitaus lesenswerter als ein Sammelsurium von Internetbeiträgen. Auch wenn ich wie bei dem alten Exemplar einige Orte und Geschichten schon kenne. Aber das ist ja gerade das Schöne: Reiseführer von Orten lesen, die man kennt. Neue Sichtweisen auf vermeintlich Bekanntes erlesen. Doch natürlich soll auch der Tschechien-Reiseführer von Baedeker primär zur Reise anstiften.

Aber im Nachhinein den Reiseführer zu lesen – zu lesen wie einen Roman – das ist aus meiner Sicht immer wieder schön. Und insofern ist dieser Baedeker über unser kleines großes Nachbarland wirklich gelungen. Der Tschechien-Reiseführer von Baedeker sollte eine Anregung sein, Tschechien nicht nur als Prag und einen umgebenden Speckgürtel wahrzunehmen. Sondern als äußerst abwechslungsreiches, gastfreundliches und liebenswürdiges Land in unserer direkten Nachbarschaft. Solche Reiseführer lese ich gerne.

Was schreiben beide Reiseführer zu Jizerka?

Doch was schreiben denn nun die beiden Reiseführer zu Jizerka, einem meiner liebsten Orte in Tschechien?

Jizerka 1993: Das alte Zollhaus mit dem Buchberg

Jizerka 1993: Das alte Zollhaus mit dem Buchberg

Jizerka im Tschechien-Reiseführer 1968: S.187

Und wenn Sie ein bißchen mehr Zeit haben, können Sie in der Reservation am Fuß des Bukovec unweit der polnischen Grenze Edelsteine aus dem Wasser gewinnen. Nur ein Stückchen von den vereinzelten Hütten an der Jizerka werden Sie an den Ufern des klaren Baches bestimmt matt glänzende schwärzliche Iserine finden – sie sind titanhaltig, und man kann sie mit dem Magnetstab absondern – mit mehr Fleiß erbeuten Sie hier auch blaue Saphire, gelbe Zirkone und den seltenen schwarzen Spinell. Aber selbst bei größtem Pech werden Sie den Ausflug nicht bereuen: Sie haben den Duft der Knieholzflächen geatmet, ausgelaugte als natürliche Skulpturen gewachsene Wurzelgebilde gefunden…”

Jizerka im Tschechien-Reiseführer 2016: S.234

Jizerka breitet sich auf einer ausgedehnten Hochfläche aus und ist der höchstgelegene Ort des Gebirges. In das im Mittelalter von böhmischen Vogelstellern und Köhlern gegründete Dorf kamen im 16. Jh. Glücksritter aus ganz Europa und suchten nach Gold und Edelsteinen. Vor allem im Bächlein Saphirflössel (Safírový potůček) entdeckten sie Goldplättchen, rote Rubine, blaue Saphire und die schwarzen Iserine. Im 18. und 19. Jh. wurden die Wälder für Brennöfen zweier Glashütten gelichtet. Heute leben nur wenige ständige Bewohner im Ort, aber es gibt mehrere Gasthäuser und Herbergen, darunter das denkmalgeschützte Herrenhaus (Panský dům).

Der Buchberg thront über den Häusern von Klein-Iser und ist mit 1005m der dritthöchste Vulkankegel des Landes. Wegen seiner wertvollen Flora trägt er den Beinamen ‘Garten des Isergebirges’. Am Fuße des Berges sprudeln einige Schwefelquellen, die auch im strengen Winter nicht zufrieren. Westlich des Ortes breitet sich die Kleine Iserwiese (Malá Jizerská louka) aus. Ein Naturlehrpfad führt teils auf Bohlenstegen sicher durch das Moorgebiet.”

Jizerka 2018: Verschneiter Naturlehrpfad ins Hochmoor

Jizerka 2018: Verschneiter Naturlehrpfad ins Hochmoor

Welcher Tschechien-Reiseführer ist nun besser?

Über Tschechien generell gibt es ja viel zu erzählen: Von Josef Schwejk, Franz Kafka und Gustav Ginzel. Skoda, Tatra und Käfer. Kümmelbrot, Knödel und Schweinebraten. Prag, Karlsbad und Krummau. Pilsner, Budweiser und Gambrinus. Moldau, Elbe und Neiße. Vulkane, Pilzfelsen und Klammen. Es ist schon beeindruckend, was dieses kleine Land für eine Vielfalt und Geschichtendichte bietet. Und wie wenig davon hierzulande bekannt ist. Was für eine Differenz zwischen Realität und Wahrnehmung. Ziemlich kafkaesk.

In Bezug auf Jizerka sind ja beiden Tschechien-Reiseführern die geologischen Besonderheiten von Jizerka wichtig. Aber insgesamt ist der Baedeker die deutlich bessere Wahl. Dieser moderne Reiseführer bietet für Jizerka mehr Informationen und präzisere Beschreibungen. Der Reiseführer von 1968 liest sich dagegen eher wie ein Reiseroman. Auch nicht schlecht, aber anders.

Auch sonst ist der Tschechien-Reiseführer von Baedeker sehr professionell, hochwertig und vollständig. Gleichzeitig übersichtlich und insgesamt einfach nur gut gemacht. Die Referenz halt. Doch ich finde die Schreibe des 68er Reiseführers insgesamt attraktiver. Das frühlingshafte Erblühen des ganzen Landes sprüht in diesem historischen Werk aus jeder Zeile. Und so geht der Tschechien-Reiseführer von Olympia mit einer lockeren Leichtigkeit durchs Thema. Klar, auch der Baedeker liest sich gut. Alles ist sachlich, treffend und fehlerfrei formuliert. Aber nicht so unterhaltsam.

Und mir fehlen im Tschechien-Reiseführer von Baedeker die praktischen Lesezeichenbändchen. Da könnte sich der Baedeker wirklich mal eine Scheibe von seinem 48 Jahre älteren Brüderchen abschneiden. Denn es gibt viel zu entdecken in Tschechien. Ergo viel zu markieren. Aber letztlich ist der Vergleich nicht wirklich gerecht. Man muss halt in schwejkscher Manier nehmen, was es gibt. Und da ist heute der Baedeker Reiseführer von Tschechien ganz klar meine Wahl.

Weiterführende Infos zu Jizerka

Alois Svoboda: ČSSR. Olympia Praha, 1968. 443 Seiten für ehedem 35 tschechoslowakische Kronen

Baedeker: Tschechien. Ostfildern, 2016. 480 Seiten für 24,99 €

Ach so: Warum ist denn nun der deutsche VW Käfer eigentlich ein abgekupferter, tschechischer Tatra 97? Das steht nicht im Tschechien-Reiseführer, sondern natürlich gut erklärt in der Wikipedia.

Jizerka (Klein Iser) in der Wikipedia: Klick

Was im Umland des Isergebirges noch so interessant ist, zeigt der Beitrag über die schönsten Reiseziele in Nordböhmen. Natürlich immer mit Seitenangaben aus dem Baedeker.

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