ᐅ Tschechischer Steilhangkraxler: Praga V3S 6×6

Den Praga V3S habe ich immer schon gemocht. Schließlich kommt der hochgeländegängige tschechische Allrad-LKW Praga V3S zierlich und schlank daher. Gar nicht so wuchtig und monströs wie seine russischen Kollegen.

Was kann der Praga V3S am besten?

Und genau deswegen hat er eine riesige Stärke: Der Praga V3S (vojenský třítunový speciálist – militärischer Dreitonner Spezial) ist ein Kraxler vor dem Herrn. Vor allem in der Ausführung als Fäkalienwagen habe ich ihn oft an Steilhängen gesehen, die nicht einmal mehr vom W50 Allrad befahren wurden. Und von diesem Kletterkünstler wurden gemäß tschechischer Wikipedia von 1953 bis 1990 insgesamt 130.000 Exemplare gebaut.

Dieser Praga V3S 6x6 bräuchte mal etwas Pflege

Dieser Praga V3S 6×6 bräuchte mal etwas Pflege

Angeblich hat der Praga eine Querstabilität bis zu 40° Hangneigung (deutsche Wikipedia mit Verweis auf: Kraftfahrzeugtechnik 01/1961, S. 25). Das sind 2° mehr als beim Unimog und könnte dann so aussehen:

So sehen 40° Querneigung aus

So ungefähr sehen 40° Querneigung aus

Gab es den Praga V3S 6×6 auch in der DDR?

Nicht umsonst hat die DDR, die eigentlich nix im Ausland kaufen wollte, insgesamt 200 Praga als Werkstattfahrzeuge, Kipper und Fäkalienwagen eingesetzt (Kunkel, S. 9). Grund war sicherlich nicht das gefällige Aussehen. Sondern der Praga kam halt dorthin, wo ein W50 zu groß, zu hoch und zu schwerfällig war. Steigfähigkeit 75 % (Wiki CZ). Na gut, der Unimog hat 100 %. Aber trotzdem.

Ich wusste aber noch nicht, dass es in der DDR den Praga auch als Werkstattwagen gab. Im kleinen und feinen Buch über importierte, nichtrussische DDR-Lastwagen werden (auf S. 10 f.) Bilder gezeigt und Belege genannt, wonach diese Werkstatthilfswagen vor allem im Tagebau zur Reparatur der Großgeräte eingesetzt worden sind. Dazu konnte in den beiden Ringen auf der vorderen Stoßstange eine Hebeanlage mit 1000 kg Tragfähigkeit eingehängt werden. Dieser Kran war im Prinzip ein Zweibein, dass über die beiden vorderen Kofferecken bis zwischen die beiden hinteren Achsen abgespannt wurde.

LKW Praga V3S 6x6 Werkstattwagen

LKW Praga V3S 6×6 Werkstattwagen

Wäre der Praga ein LKW für den Umbau zum Expeditionsmobil?

Eher nicht. Das Beste am Fahrgestell sind noch die beiden nach oben ausstellbaren Frontscheiben. Ansonsten ist der LKW viel zu langsam, zu unbequem und zu laut. Sicherlich ist das Fahrgestell auch etwas zu exotisch für einen Kauf und den Umbau zum Expeditionsmobil. Aber der Werkstattkoffer des Praga V3S ist interessant. Von außen konnte ich leider nicht erkennen, ob und wie die Ausführung des Koffers erfolgt ist. Aber das abgerundete Dach sowie die Anordnung der Fenster und Türen sind schon einmal optimal. Auf der linken Seite scheint sogar so etwas wie eine Markise montiert zu sein.

Der Praga V3S 6x6 Werkstattwagen könnte ein interessanter Koffer für ein Expeditionsmobil sein

Der Praga Werkstattwagen könnte ein interessanter Koffer für ein Expeditionsmobil sein

Wozu wird der Praga heute noch eingesetzt?

Auf einem tschechischen Bauernhof habe ich den Praga noch vor ein paar Jahren als Fäkalienwagen im Routineeinsatz gesehen. Schön blau lackiert, voll funktionsfähig und hoch geländegängig. Anders wäre er an die Entnahmestelle auch nicht herangekommen.

Probesitzen im Praga FEK Fäkalienkraftwagen

Probesitzen im Praga FEK Fäkalienkraftwagen

Meine Kinder waren jedenfalls begeistert und durften einer nach dem anderen in diesem schönen alten Praga Probe sitzen. Vor lauter Kinderfreude und Gequatsche mit dem Fahrer habe ich natürlich kein Gesamtfoto von diesem Praga V3S 6×6 gemacht und auch nicht nach den technischen Daten gefragt. Aber wozu gibt es Bücher? Mein Standardnachschlagewerk für derlei (nichtrussische) Exoten ist der Typenkompass von Ralf Kunkel. Schön systematisch mit vielen guten Originalfotos und allen technischen Daten. Also: Der Praga holt 98 luftgekühlte PS aus 6 Zylindern mit 7,4 l Hubraum. Und das bei einem Verbrauch von nur 27 l/100 km.

Allerdings bei 60 km/h. Mehr läuft der nicht. Ich habe da mal eine Geschichte gehört, dass der Praga ab 85 km/h (die er nur bergab im Leerlauf erreicht) dazu neigt, das hintere Kreuzgelenk zu zerlegen und die Kardanwelle abzuwerfen. Wenn die dann in den Asphalt spießt, gibt es einen schönen Satz. Doch wer weiß, ob das stimmt. Davon abgesehen ist aber das Leergewicht von nur 5.470 kg interessant. Und zwar mit dem Tankaufbau. Das ergibt 5.330 kg bzw. rekordverdächtige 97 % Zuladung im Straßenbetrieb (Kunkel, S. 12). Aber trotzdem würde ich den Praga V3S nicht kaufen. Dann schon eher den Tatra 148 6×6.

Noch mehr Exoten gibt es im Buch von Ralf Kunkel: DDR-Lastwagen – Importe aus der Tschechoslowakei, Polen, Rumänien und Ungarn (ISBN 978-3-613-03758-8, 127 Seiten) für 12 gut investierte Euro.

Und hier geht es weiter zu einer zumindest für mich überraschenden und nicht explizit im Buch vermerkten Erkenntnis: Der Praga hat ja Portalachsen!

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (10 votes, average: 4,50 out of 5)
Loading...

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.