ᐅ MB 711 D: Vom Gruppenkraftwagen per Umschlüsselung zum Wohnmobil

Das hat man davon, wenn man unpräzise Berichte zur Umschlüsselung zum Wohnmobil verfasst und ins Internet stellt: Eine Menge Nachfragen und zusätzlicher Arbeit. Hätte ich es doch gleich richtig gemacht und geschrieben, wie  wir unseren MB 711 D vom Gruppenkraftwagen zum Wohnmobil umgeschlüsselt haben. Aber nein, ich musste das ja so nebulös halten. Also stelle ich noch mal ganz systematisch die Vorgehensweise zur Umschlüsselung des Kastenwagens zum Wohnmobil dar.

Ex-BGS-Bus: Private Zulassung nur mit neuer Betriebserlaubnis

Gekauft hatte ich einen MB 711 D in der Ausstattung Fensterbus (Baureihe W669). Original war das Fahrzeug zugelassen als Gruppenkraftwagen des BGS bzw eines Innenministeriums mit elf Sitzplätzen und Sondersignalanlage. Und da fing das Dilemma an. Mit Ausscheiden aus dem aktiven Dienst war die Betriebserlaubnis erloschen, natürlich ohne, dass ich davon wusste. Auch der gewerbliche Verkäufer hat sich natürlich gehütet, mir davon zu erzählen.

Für alle Fahrzeuge nämlich, „die nach ihrer Bauart speziell für militärische oder polizeiliche Zwecke sowie für Zwecke des Brandschutzes und des Katastrophenschutzes bestimmt sind“, besteht gemäß § 19 StVZO eine Betriebserlaubnis nur so lange, „wie die Fahrzeuge für die Bundeswehr, die Bundespolizei, die Polizei, die Feuerwehr oder den Katastrophenschutz zugelassen oder eingesetzt werden“. Privat gekauft heißt also: Betriebserlaubnis erloschen. Keine Zulassung. Nix.

Für die private Zulassung ist somit zwingend ein Gutachten über eine Einzelabnahme nach § 21 StVZO erforderlich. Erst damit bekommt man eine neue „Betriebserlaubnis für Einzelfahrzeuge“. Ohne eine derartige Einzelabnahme und Umschlüsselung habe ich nicht einmal ein Kurzzeitkennzeichen bekommen. Also musste ich trotz nagelneuer Hauptuntersuchung noch einmal zur DEKRA und für den Bus per Einzelabnahme eine neue Betriebserlaubnis für Einzelfahrzeuge beantragen.

Nun weiß ich zwar nicht, was an meinem MB 711 abgesehen von der (bereits demontierten) Sondersignalanlage die spezielle polizeiliche Bauart sein soll, aber die Aussage „meiner“ Zulassungsbehörde war hier über alle Hierarchieebenen hinweg sehr eindeutig und stringent. Ich habe aber auch nicht besonders gestritten, da mein Ziel ja sowieso eine Änderung der Fahrzeugart zum Sonstigen Kraftfahrzeug Wohnmobil war („SO. KFZ. WOHNM. UEB. 2,8 T“). Voraussetzung war aber die Einzelabnahme gemäß § 21 StVZO.

Was braucht man für die Umschlüsselung zum Wohnmobil?

Ein wohnliches Wohnmobil

Ein wohnliches Wohnmobil

Vorherige Abstimmung mit dem Prüfer

Nun wusste ich damals auch nicht, was man denn nun für die Umschlüsselung zum Wohnmobil braucht. Auch die Unterlagen, die im Internet kursieren, sind entweder uralt oder nicht so richtig eindeutig. Maßgeblich bleibt also immer die Meinung des amtlich anerkannten Sachverständigen (a.a.S.), der die Umschlüsselung zum Wohnmobil vornehmen soll. Also bei der Dekra vorbeigeschaut, die hier bei uns der TÜV ist. Und mein Prüfer hat mir seine Vorstellungen für die erforderliche Einrichtung erläutert, damit der Kastenwagen als Wohnmobil umgeschlüsselt werden kann. Natürlich ist die Liste wahrscheinlich weder vollständig noch für jeden Prüfer zutreffend. Aber sie ist schon einmal ein Anhaltspunkt.

Anforderungsliste für die Umschlüsselung

1. Fenster im Wohnraum

Kein Problem, ich habe Fenster ringsum.

2. Sitze im Wohnraum

Auch kein Problem, da habe ich sogar zwei zu viel. Und zwar geprüfte Sitze mit geprüften Gurten an geprüften Punkten. Zum Glück.

3. Tisch im Wohnraum

Für so etwas habe ich doch extra mein süßes Klapptischlein anfertigen lassen.

4. Stauraum

Ist durch die originalen Einbauten des BGS ausreichend vorhanden.

5. Schlafgelegenheit

Erforderlich ist mindestens ein Bett, das auch klappbar sein kann. Gut, dafür habe ich die Sitzgruppe mit dem absenkbaren Tisch und ein Klappbett gebaut. Explizit nicht erforderlich ist jeweils ein Bett pro eingetragenem Sitzplatz. Diese Frage war mir mit den 9 eingetragenen Sitzplätzen besonders wichtig.

6. Kochgelegenheit

Eine fest installierte Kochgelegenheit: Das ist auf die Schnelle so eine Sache. Mein Prüfer hat  eine Zündsicherung und die Einhaltung des Brandschutzes verlangt, also schnell einen entsprechenden Kartuschenkocher bestellt und festgeschraubt.

7. Wasserversorgung und Spüle

Wasserversorgung und Spüle müssen jedoch nicht fest installiert sein. Okay, Kanister und Schüssel.

8. Beleuchtung im Wohnteil

Kein Problem, Deckenlampen sind schon installiert.

9. Heizung?

Nicht mehr sicher bin ich mir mit der Standheizung. Aber die war ja auch schon drin.

10. Wohnlicher Charakter

Diese Anforderung ist für die Umschlüsselung zum Wohnmobil scheinbar besonders wichtig. Insgesamt musste der Kastenwagen einen „wohnlichen Charakter“ aufweisen. Hmm, keine Ahnung, was das sein soll. Also einen schönen Langhaarteppich, Spiegel und Deko verbaut. Kleiderhaken. Ich denke, es kann auch nicht schaden, das Wohnmobil wie ein Wohnmobil einzuräumen. Also alle Stauräume wohnfertig mit Klamotten zu füllen.

11. Maximal 9 Sitzplätze

Natürlich durfte ich maximal neun Sitzplätze haben. Also zwei Sitze raus.

12. Demontage der Sondersignalanlage

Und die Sondersignalanlage musste natürlich demontiert werden. Löcher schließen nicht vergessen. Aber das war ja sowieso klar. Zum Glück hatte mein BGS-Bus vorn keine Lexanscheiben verbaut. Kunststoffscheiben sind nämlich für den privaten Gebrauch für die Frontscheibe nicht zugelassen und müssen getauscht werden. Auch die Seitenfenster brauchen entsprechende Prüfzeichen, die bei mir aber vorhanden sind.

Vom Kastenwagen per Umschlüsselung zum Wohnmobil

Die wichtigste Zutat für ein Wohnmobil ist ein geeignetes Basisfahrzeug. Bei uns also ein Mercedes Kastenwagen MB 711 D. Baumuster 669. Bei der Bezeichnung war sich Mercedes übrigens nicht so ganz sicher. T2 heißen ja die größeren Transporter. Weitaus gängiger ist die Typbezeichnung nach dem Ort der Herstellung: „Düsseldorfer“ oder kurz Düdo. Ein Düdo ist es nun ja aber gerade nicht mehr, sondern der Nachfolger. Ein „T2 neu“ also (der Kastenwagen heißt wirklich so). Alternativ gibt es noch die Bezeichnung LN 1. Erst der Nachfolger heißt dann Vario.

In unserem MB 711 Fensterbus jedenfalls ist mir der Umbau zum Wohnmobil relativ leicht gefallen, weil das meiste ja schon verbaut war. Bei der Abnahme gab es dann eine kurze Irritation wegen des Kartuschenkochers. Dieser hatte zwar eine ordentliche Zündsicherung, aber keine Fahrzeugzulassung. Dafür war aber überobligatorisch ein Wasserkanister installiert. Und es gab Gardinen. Und es war recht wohnlich. Da hat der Prüfer nach Rücksprache beim Chef den Ermessensspielraum genutzt.

Der MB 711 D nach der Umschlüsselung zum Wohnmobil

Der MB 711 D nach der Umschlüsselung zum Wohnmobil

Insgesamt war die Umschlüsselung zum Wohnmobil vor allem deswegen möglich, weil ich vorher jeden einzelnen Punkt mit meinem Prüfer abgestimmt hatte. Und natürlich, weil der Fensterbus von vornherein schon eine sehr gute Basis für den Umbau war. Viele Kriterien erfüllt der MB 711 Fensterbus vom BGS halt von Haus aus. Und die restlichen Kriterien waren durch meine Tischeinbauten, das Klappbett sowie die Kochgelegenheit mit Wasserversorgung erfüllt. Für ein Wohnmobil mit neun Sitzplätzen jedenfalls fand ich unseren Fensterbus schon ziemlich wohnlich.

Eigentlich war es ein Jammer, nach dem ersten Marokkourlaub alles wieder herauszureißen, den Kastenwagen vollkommen zu entkernen und wieder ganz von vorn anzufangen. Aber sonst hätte ich die Voraussetzungen zur Umschlüsselung zum Wohnmobil nie so schnell erfüllen können.

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9 Antworten

  1. Manfred sagt:

    Danke, dass Sie die Erfahrungen hier zusammentragen. Ich will auch gerade meinen Vario eintragen lassen als Wohnmobil.

  2. Michael sagt:

    Hallo,
    ich hab zwei Fragen zum Vario und pack sei einfach mal hier hin 🙂
    – ist es einfach so möglich eine der Sitzgruppen umzudrehen und Passagiere dann gegen die Fahrtrichtung zu transportieren? Ich hatte das auf einem der Bilder hier im Blog gesehen. Gibt es dazu Einschränkungen?
    – wie macht ihr es mit den Umweltzonen bzw. Abgasen? Geht ihr davon aus nie in eine zu fahren oder habt ihr einen DPF nachgerüstet?

    Viele Grüße,
    Michael

  3. Tom sagt:

    Die originalen Sitze aus dem MB 711 Fensterbus sind modular aufgebaut und werden nur geschraubt. Das Untergestell und die Verschraubung am Bus ist unverändert. Als Hersteller steht VogelSitze drauf.

  4. Andreas sagt:

    Hallo Tom,

    Deine Seite ist die informativste die ich gefunden habe und es behandelt alle Themen die für uns interessant sind, auch wenn wir nur für 4 Personen planen müssen.
    Wir haben momentan einen Vario Fensterbus in Blick (noch nicht gekauft) welcher die selben Sitze hat. Sind diese eigentlich mit Beckengurten oder Dreipunktgurten ausgestattet? Gab es damit Probleme bei einer “ zivielen Nachnutzung“?

    Viele Grüße aus dem Erzgebirge
    Andreas

    • Tom sagt:

      Hallo Andreas und Familie. Es freut mich natürlich, wenn ein paar Informationen nützlich sind. Und zu den Sitzen: Die Sitze haben alle Beckengurte, was in der Praxis vollkommen unproblematisch ist. Gerade auch die verstellbaren Rückenlehnen sind ziemlich bequem. Allerdings stehen die integrierten Kopfstützen etwas vor. Da muss ich vielleicht noch mal ran.
      Viele Grüße zurück in die Berge.

  5. Kai sagt:

    Hallo,
    es gibt eine Facebook Gruppe Mercedes-Benz T2/LN1 Eigentümergemeinschaft. Vielleicht magst du da beitreten. Wäre toll, einen Fachmann wie dich dabeizuhaben. LG Kai

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