ᐅ Technikbuch mit H-Kennzeichen: Der gute alte Trzebiatowsky

Dieses Buch über die Kraftfahrzeugtechnik verdient das H-Kennzeichen – schließlich gibt es so etwas wie „den“ Trzebiatowsky heute gar nicht mehr. Das gesamte Fachwissen einer ganzen Branche in einem einzelnen Fachbuch vom Format eines Sanikastens. Nur viel schwerer. Und mit mehr Inhalt. 2074 Abbildungen. 1397 Seiten. 150 Seiten Anhang. 55 Jahre alt. 7 cm dick.

Trzebiatowsky - Die Kraftfahrzeuge und ihre Instandhaltung: 7 cm PKW und LKW Technik

Trzebiatowsky – Die Kraftfahrzeuge und ihre Instandhaltung: 7 cm PKW und LKW Technik

Das komplette Kraftfahrzeugwissen der 60er Jahre

Und weil es so etwas heute nicht mehr gibt, druckt man halt den Trzebiatowsky mit dem „neuesten Stand der Kraftfahrzeugtechnik“ (vgl. Vorwort von 1961, S. VI) nach. Auch dies war seit dem Ersterscheinen 1952 immerhin schon die 10. Auflage. Wenn man das Buch auf dem Schoß liegen hat (für freihändiges Lesen ist es gewichtsmäßig nun wirklich völlig ungeeignet), taucht man schnell ein in eine Zeit, in der man den aktuellen Stand der Technik detailliert und nahezu komplett in ein Buch pressen konnte. Einschließlich einer Übersicht und der wichtigsten Kenndaten sämtlicher Fahrzeuge. Heute weiß und schreibt man immer mehr über immer weniger. Nur die reißerischen Titel verheißen Grandioses.

Das war 1961 anders. Hier heißt es nicht: „Das große Buch von irgendwas“. Sondern ganz einfach und schlicht: „Trzebiatowsky“. Und es gibt nichts, was nicht im Buch steht. Zumal es tatsächlich alle damals in (West-) Deutschland präsenten Kraftfahrzeuge behandelt. Einschließlich der „ausländischen Personenkraftwagen“ (sic!) auf den Seiten 1138 – 1200. Besonderheiten amerikanischer Vergaser (S. 1184 f.). Lage der Schmiernippel am Skoda Octavia (S. 1198). Einfach alles. Man kann das Ventilspiel der BMW R 50 genauso nachschlagen (Seite 1274) wie die Höchstgeschwindigkeit des Ferrari 250 GT California (Seite 1250). Oder das Leergewicht vom Unimog (Seite 1244) und Details der seltenen Zweigang-Hinterachse vom Kurzhauber (S. 318).

Zweigang-Hinterachse Daimler-Benz L 337 (entn. aus Trzebiatowsky, S. 318)

Zweigang-Hinterachse Daimler-Benz L 337 (entn. aus Trzebiatowsky, S. 318)

Dazu kommen herrliche Fotos damaliger Bundeswehrfahrzeuge (S. 1211 f.): Borgward Kübelwagen, Magirus Jupiter und Daimler-Benz LG 315/46. Und natürlich die selige Emma: MAN 630.

MAN 630 (entnommen aus Trzebiatowsky - Die Kraftfahrzeuge und ihre Instandhaltung, S. 1211)

MAN 630 (entnommen aus Trzebiatowsky – Die Kraftfahrzeuge und ihre Instandhaltung, S. 1211)

Der Trzebiatowsky ist selbst Kulturgut

Das Buch enthält Unmengen an nützlichem und nutzlosem Wissen aus der LKW Technik, zum Beispiel eine Schnittzeichnung des Nordtrak-Stier 30, an dessen Beispiel der Vierradantrieb erläutert wird (S. 1096). Kurbelwellen, Einspritzpumpen und Kreuzgelenke. Bremsen, Radbremszylinder, Kupplungen und Felgen. Und alles mit Schnittzeichnungen, Fotos und Reparaturanleitungen. Selbst ein Kapitel zur Betriebswirtschaft in der Kraftfahrzeuginstandsetzung fehlt nicht. Wunderbar. Legendär. Kulturgut.

Schnitt der Bosch-Reihen-Einspritzpumpe (entn. aus Trzebiatowsky, S. 180)

Schnitt der Bosch-Reihen-Einspritzpumpe (entn. aus Trzebiatowsky, S. 180)

Diese Detailverliebtheit mit der LKW Technik

Heute würde man sagen, dass dieses breit und außerordentlich detailliert ausgewalzte Wissen die Schwäche des Buches ist. Denn wer interessiert sich schon in dieser Breite für jedes Detail? Naja, ich natürlich. So wie jeder Oldtimerfan. Und so wird die Schwäche des Fachbuches zur Stärke des Liebhaberbuches. Es geht nicht nur um LKW Technik. Vielmehr werden auch DS, R4 und Isettas vorgestellt. Schlepper, Büssing-Antriebe und Trilex-Felgen. Und und und.

Schließen der Trilex-Felge (entnommen aus Trzebiatowsky, a.a.O., S. 386)

Schließen der Trilex-Felge (entnommen aus Trzebiatowsky, a.a.O., S. 386)

Trzebiatowsky – Die Kraftfahrzeuge und ihre Instandhaltung

Also heißt es schmökern, schmökern und nochmals schmökern. Auch wenn das Buch kein Reparaturhandbuch im eigentlichen Sinn ist. Aber wer sich erst einmal einlesen will und vielleicht noch ein wenig Respekt vor richtiger LKW Technik hat, der wird von diesem Urgestein der Technikbücher vollends infiziert. Und obwohl der Trzebiatowsky hochwertig gedruckt ist und mit Hardcover daherkommt, kostet der Reprint keine 50 €. Nur das Eurozeichen passt genauso wenig zum Trzebiatowsky wie ein Diagnosestecker zum Hanomag und gefährdet ein wenig das H-Kennzeichen. Aber sonst? Ein wunderbarer Ausflug in die Zeit, in der es noch richtige LKW’s (und ein strenges Lektorat) gab. Einfach nur schön.

Trzebiatowsky: Die Kraftfahrzeuge und ihre Instandhaltung. Reprint der 10. Aufl. 1961, ISBN 978-3-89880-498-1, 1397 Seiten, 49,90 €

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