ᐅ Mein LKW Anfang: MB 1124 AF und der Umbau zum Expeditionsmobil

Eine kleine Geschichte über meinen Start in das Abenteuer Allrad – LKW, den Umbau zum Expeditionsmobil und leider auch den Verkauf des Mercedes Weltreisemobils MB 1124 AF.

Mercedes MB 1124 AF (LK/LN2) als Allrad-Basis für den Umbau zum Expeditionsmobil

Mercedes MB 1124 AF (LK/LN2) als Allrad-Basis für den Umbau zum Expeditionsmobil

Wir wollen uns vergößern

Umbau eines LKW zum Expeditionsmobil für die ganze Familie

Es ist nicht einfach, für eine Familie mit 5 Kindern ein passendes Fahrzeug für die geplante Weltreise zu finden – vor allem dann nicht, wenn alle langsam ziemlich lange Beine bekommen. Mercedes G als Siebensitzer ist zu klein. Für mich allein und ein, zwei interessierte Jungs wäre es vielleicht ein 416er Unimog mit Isomatte auf der Pritsche geworden. Aber ich wollte ja die ganze Familie mitnehmen. Hauptbedingung war also erst einmal komfortables Fahren. Zudem sollten aber auch noch alle 7 im Auto schlafen, Gepäck verstauen, am Tisch sitzen und auch mal eine Woche Regenwetter überstehen können. Nun sind wir schon seit 25 Jahren ohne und mit Kindern unterwegs und bringen einiges an Erfahrung mit – für die Wohnkabine hatten wir also schon sehr konkrete Vorstellungen. Aber die Basis…

Fahrgestell: Allrad oder Nichtallrad?

Wenn Männer träumen, gehört Allrad einfach dazu: 4×4 (und erst recht 6×6; die ganz Verrückten stehen auf 8×8) vermittelt irgendwie das Gefühl der Sicherheit, der Überlegenheit und des Vorbereitetseins auf alle Eventualitäten, auch wenn der Allradantrieb im praktischen Reisealltag wohl nur selten vonnöten sein wird. In vielen Fällen wird es sicherlich auch deswegen auf Allrad hinauslaufen, weil es keine vernünftige Begründung gegen Allrad gibt: Der Mehrverbrauch an Diesel ist bezogen auf die Gesamtfahrleistung und die Gesamtkosten beim 4×4 letztlich vernachlässigbar. Insofern ist die Frage: Warum eigentlich kein Allrad?

Trotzdem: Wer im Schlamm spielen will, sich aber nicht schmutzig machen darf; wer gern große Fahrzeuge fährt, aber den Diesel nicht bezahlen möchte und wer schon immer einmal einen sibirischen Fluss queren wollte, ohne sich nasse Füße zu holen, der fährt mit den (virtuellen) russischen Allrad-Monstern von Spintires am besten.

Fahrzeugwahl: Sprinter oder 3-Achser? Kastenwagen oder LKW?

Die erste Planung für ein neues Familien – Weltreise – Wohnmobil basierte auf einem 319er Sprinter – natürlich mit Allrad. Dieses Umbau-Projekt musste ich aber wegen zu geringer Nutzlast aufgeben. Düdo? Naja, hatte ich schon mehrere, zudem wollte ich nicht einfach nur alte Geschichten aufwärmen. Ein Vario? Hmm, fand ich schon immer cool, aber wenn schon groß, dann richtig groß. Also einen Monstertruck mit mehr als 4 m Radstand, 3 Achsen und 10 m Länge kaufen? Super auf Fotos. Angsteinflößend in echt.

Diese Riesen sind zwar gut auf der Autobahn, aber untauglich für alpenländische Serpentinenstraßen, andalusische Dörfer oder die Zufahrt zur eigenen Haustür. Zudem resultierte die Länge meist nur aus schlechter Planung unerfahrener Erstbesitzer, die irgendwie geschrumpfte 3-Raum-Wohnungen auf Rädern wollten. In keinem der zum Verkauf stehenden Expeditionsfahrzeuge konnten sich z. B. mehr als 2 Personen gleichzeitig umziehen. Winzige Tische. Riesige Bäder. Tagsüber nutzlose Schlafzimmer. Kubikmeterweise verschenkter oder nicht richtig nutzbarer Stauraum.

Lastenheft für das Expeditionsmobil

Also war die grobe Richtung für den Kauf der Basis klar: Ein handlicher LKW der leichten 12-Tonnen-Klasse mit relativ kurzem Radstand, maximal 7 Metern Länge und flexiblem Aufbau. Kein Hauber, sondern Frontlenker. Gute Übersicht. Perfekte Raumausnutzung. Kippfahrerhaus. Mercedes. Vielleicht MAN.

Mein erster Blick in den Mercedes-Benz 1124 AF (Mercedes LK)

Mein erster Blick in den Mercedes-Benz 1124 AF (Mercedes LK)

Motorisierung: Nichts geht über Leistung, außer noch mehr Leistung?

Hinzu kam, dass mir die 170 PS der üblichen MB 917, MB 1017 oder MB 1117 (oder auch die 180 PS des Steyr 12M18) für 10 Tonnen Reisegewicht als zu lahm erschienen. 17 PS pro Tonne – da hatte ja mein alter MB 407 D mehr: Düdo – mäßige 65 PS ergeben bei einem Reisegewicht von 3,5 to eine Tonnenleistung von 18 PS. Es hat mich nicht gewundert, dass das Internet „voll“ war von Berichten über gewünschte oder umgesetzte Leistungssteigerungen: Googelt mal nach „Turbolader nachrüsten LKW“, „Kolbenbodenkühlung nachrüsten LKW“ oder „Ladeluftkühler nachrüsten LKW“.

Ob diese ganzen Leistungssteigerungen aber den dafür nicht vorgesehenen Motoren so gut tut? Fragen über Fragen. Die Besitzer der größeren MB 1625 oder MB 1635 mit 250 bzw. 350 PS (Mercedes NG oder SK) wiederum fanden zwar den Sound und Durchzug der Achtzylinder super, beklagten aber den hohen Dieseldurst der V8-Motoren – von der nochmal höheren Gewichtsklasse einmal ganz abgesehen. Was ist aber nun eine geeignete Basis für ein Expeditionsmobil?

240 PS, lange Achsen, 100 km/h Reisegeschwindigkeit, 125 km/h Höchstgeschwindigkeit beim MB 1124

240 PS und lange Achsen reichen locker für 100 km/h Reisegeschwindigkeit im grünen Bereich

Wunschmotor OM 366 LA

Die sparsamen und langlebigen Motoren der Baureihe OM 300 von Mercedes, vor allem die legendären OM 352 (verbaut im Mercedes Kurzhauber wie dem MB 1113, dem MB 1017 und ältere Unimog) und OM 366 (Mercedes LK vom MB 917 bis zum MB 1124 und neuere Unimog) haben in der Regel 6 Zylinder und 6 Liter Hubraum – einfach nur mehr Hubraum ist also keine Lösung. Allerdings verfügt der Motor in den mehr als 3 Jahrzehnten seiner Entwicklung über zahlreiche Ausbaustufen vom MB 917 und den MB 1120 bis zum MB 1124 mit bis zu 240 PS – dann mit originalem Turbolader und Ladeluftkühlung (Intercooler) als OM 366 LA. Das wäre schon besser als die mickrigen 170 PS der Standardversion des MB 917 (LK) oder des älteren MB 1017 (NG).

Bloß keine elektronische Motor- und Getriebesteuerung im LKW!

Was sollte ich also machen? Einen neuen Atego oder MAN mit Wunschkonfiguration kaufen? Bloß nicht. Ich hatte keine Lust auf Mäusekino im Armaturenbrett und Motornotlaufprogramm wegen eines leeren AdBlue-Tanks, einer defekten Leuchtweitenregelung oder einer zerdrückten Sitzbelegungserkennung mit vorprogrammiertem Zwangsaufenthalt in einer Diagnoseklinik. Notlaufprogramm in Taschkent oder Timbuktu? Na dann viel Spaß…

Basis für den Umbau zum Expeditionsmobil: Doppelkabine oder Fernfahrerhaus?

Zu klein für ein Familien - Expeditionsmobil: Fernfahrerhaus eines Mercedes MB 917 mit 6 Sitzplätzen

Zu klein für ein Familien – Expeditionsmobil: Fernfahrerhaus eines Mercedes MB 917 mit 6 Sitzplätzen

Und die Fahrerkabine? Die reichlich verfügbaren langen Dokas schieden schon einmal wegen der hässlichen Optik und dem verschwendeten Platz aus. Unimog-Doka? Hübsch, aber mit maximal 5 Sitzplätzen zu klein und außerdem mit (damals) unvorstellbar kurzer Aufbaulänge. Dann habe ich mir die NG/LK-Fernfahrerhäuser von Mercedes angeschaut, die teilweise bereits für 7 Personen zugelassen waren. Nach einem Probesitzen in einem gebrauchten MB 917 mit dem interessierten Teil der Familie schied diese Variante jedoch ganz klar aus: In diesen Fernfahrerhäusern hätte man vorn und hinten mit angezogenen Beinen und den Knien am Armaturenbrett bzw. am Vordersitz, auf den beiden hinteren Mittelplätzen wegen des Motortunnels mit den Knien fast am Ohr sitzen müssen.

Das Foto aus einem MB 917 zeigt es ganz gut: So ein Fernfahrerhaus eines Mercedes LK macht auf Reisen keinen Spaß (der Typ auf dem Foto ist 1,78 m). Und Sitzplätze im Koffer finde ich als Familienmensch nicht so toll – ich will alle immer um mich haben. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, was eine kurze Doka ist. Noch nie gesehen.

MAN LE 220 C mit kurzer Doka: Schon bessere Beinfreiheit hinten

MAN LE 220 C mit kurzer Doka: Schon bessere Beinfreiheit hinten

Sehr, sehr selten: Mercedes MB 1124 mit kurzer Doka (LK)

Beim Besuch des auf Allradfahrgestelle spezialisierten Händlers Mato Vrbic in Northeim habe ich mich mit dieser Vorgeschichte dann natürlich auf Anhieb in die vorher noch nie gesehene kurze Doka (und die 240-PS-Maschine darunter) eines Mercedes 1124 AF aus 1996 verliebt (12 Tonnen, 240 PS, A wie Allrad und F wie Feuerwehr). Da konnten schon einmal 3 vorn und 4 hinten sitzen. Elektronikfreie 240 PS, trotzdem ABS und Euro-4-Fähigkeit rundeten das Allrad – LKW – Paket ab. Der Händler hatte auch eine kurze MAN-Doka (MAN LE 220 C Euro 3), die mir aber wegen der kleineren Fenster nicht so gut gefiel – schließlich sollten auch hinten alle gut sehen können.

MB 1124 AF: Optimale Platzverhältnisse in der kurzen Doka des Expeditionsfahrzeugs

MB 1124 AF: Optimale Platzverhältnisse in der kurzen Doka des Expeditionsfahrzeugs

Umbau zum Expeditionsmobil

Kofferausbau und Überholung des Fahrgestells

Der Weg bis zum fertigen Wohnmobil war zu diesem Zeitpunkt aber noch sehr lang. Der Umbau zum Expeditionsmobil begann wegen meiner Vorkontakte zum Ausbauer schon einen Monat nach Kauf des Allrad-LKW. Die gesamte Wohnkabine wurde entworfen, gebaut und montiert. Die kurze Doka wurde isoliert, edel verkleidet und wohnlich ausgebaut.

Wegen langen Lieferzeiten für die Radsätze begann erst nach dem Ausbau zum Wohnmobil die Fahrzeugaufbereitung. Der Koffer des LKW ist ja schnell abgesetzt. Ich wollte nichts Halbes machen und ließ am LKW – Fahrgestell so ziemlich alle Verschleißteile, Lager und Dichtungen wechseln. Inclusive Wellendichtringe, Radlager, Achsschenkellager, Wasserkühler und Wasserleitungen. Die Achsübersetzung wurde autobahntauglich verlängert. Größerer Tank. Unterfahrschutz. Zwischenrahmen…und…und…und…

Ein Expeditionsfahrzeug auf Testreise: MB 1124 AF im Gelände

Ein Expeditionsfahrzeug auf Testreise: MB 1124 AF im Gelände

Ich habe zwar alle Arbeiten in einer professionellen Reisemobilmanufaktur (Umbau zum Expeditionsmobil) bzw. einer LKW – Werkstatt (Achsumbau, Bremsen, Lager, UnterfahrschutzZwischenrahmen) ausführen lassen, dennoch hat allein die Planung und Bauüberwachung beim Ausbau zum Expeditionsmobil viel Zeit gekostet, aber auch Spaß gemacht: Ich liebe es, wenn Ideen zu Plänen und Pläne zu Realität werden, ohne dass ich vom Schreibtisch aufstehen muss. Und manchmal vermisse ich das Entwerfen und Konstruieren schon ein bisschen. Bin eben zu sehr auch Ingenieur…

Umbau zum Expeditionsmobil und dann doch keine Weltreise

LKW und Aufbau haben sich schon bewährt, nur wenn es jetzt ernst wird, wollen eben nicht alle mit auf Weltreise. Verstehe ich. Ist ja auch kein Wunder bei dem Zuhause. Dann eben später. Anders. Und so liebäugele ich für die Zwischenzeit wieder mit einem ganz einfachen 416er. Oder einem kurzen Vario. Das müsste doch. Das würde doch. Der Kreisel dreht sich weiter. Allrad? LKW? Wohnmobil? Umbau zum Expeditionsmobil? Da war doch was.

Auf den Umbau zum Expeditionsmobil folgt ein Kastenwagen

Geworden ist es dann ein MB 711 D als Fensterbus ohne Allrad, den ich aber nun – der ursprünglichen Idee folgend – komplett selbst ausbaue, so richtig mit Hubbett, Aufstelldach und allen Dingen, die auch im Expeditionsmobil ganz nett waren. Nur dass es jetzt eben ein ganz normales, unauffälliges und dezentes Europa-ohne-Allrad-Wohnmobil wird. Und ich merke, dass mir das Bauen im heimischen Garten genauso viel Spaß macht wie das In-der-Gegend-Herumgefahre, euphemistisch auch Overlanding genannt. Und ich kann noch etwas experimenteller bauen.

Nach Verkauf des Expeditionsmobils: Mit dem neuen Europa - Wohnmobil MB 711 am Cap Esterel

Nach Verkauf des Expeditionsmobils: Mit dem neuen Europa – Wohnmobil MB 711 D am Cap Esterel

Doch wenn die russisch-virtuellen Allradmonster von Spintires nicht mehr reichen, habe ich vielleicht wirklich wieder einen „richtigen“ LKW hier stehen. Und es beginnt eine neue Geschichte. Ein neuer Umbau zum Expeditionsmobil. Jetzt weiß ich ja so ein bisschen, wie’s geht. Und wenn ich dann wieder alles vergessen haben sollte, ziehe ich das Buch von Ulrich Dolde zum Selbstausbau aus dem Schrank.

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3 Antworten

  1. Finn sagt:

    Gut geschrieben… Danke.

  2. Hans-Peter M. sagt:

    Hallo Tom, vielen Dank für den Beitrag. Durch Deine Überlegungen habe ich selber auch noch einmal über alles nachgedacht und werde wohl die Sache mit dem Allrad-LKW noch einmal überlegen. So ein Vario ist vielleicht dorch besser.
    Viele Grüße, HPM

  3. Carl sagt:

    Hervorragender Beitrag und einen wirklich schönen Blog hast du hier! Ich werde sicherlich öfter mal vorbeischauen! 🙂

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