ᐅ 7 sinnvolle Anforderungen an ein geländegängiges Offroad-Wohnmobil

Mit einem Offroad-Wohnmobil hört man oft die Frage: Ihr kommt doch überall durch, oder? Nein, kommen wir nicht. Tatsächlich gibt es überhaupt keine Fahrzeuge, die überall durchkommen. Doch mit ein paar sinnvollen Anforderungen kommt man schon etwas weiter als normale Wohnmobile.

Was heißt eigentlich offroad?

Was ist schon offroad? Offroad heißt eigentlich abseits der Straße. Also richtig abseits. Ohne Weg und Steg. Querfeldein. Nicht nur mal quer über die Wiese, sondern richtig daneben. Kreuz und quer. In Europa gibt es so etwas überhaupt nicht. Und auch sonst bleibt nicht viel übrig. Steppe, Salzsee, Hamada, Sandwüste. Doch gerade die Sandwüste ist nun wieder sehr speziell. Es gibt durchaus einige Experten. Aber Offroad-Wohnmobile sieht man in der Wüste eher nicht. Selbst Geländewagen sind selten. Und das sind sowieso keine klassischen Wohnmobile. Denn die warme Dusche fehlt.

Ein Geländewagen als Offroad-Wohnmobil?

Ein Geländewagen als Offroad-Wohnmobil?

Ein Offroad-Wohnmobil fährt vor allem Pisten

Quer durch die Wüste macht eigentlich nur mit Motorrad, Quad oder Geländewagen Spaß. Ein Offroad-Wohnmobil habe ich dort „im Off“ noch nicht getroffen. Also keines mit warmer Dusche und so. Sicher, die Wüste ist groß. Und vielleicht quält sich gerade jetzt irgendwo ein LKW über die Dünen. Die meisten Allrad-LKW’s aber bleiben auf den Pisten. Mal ein kurzer Abstecher zur Wagenburg am Rand der Dünen. Das ist meist schon offroad genug. Aber mittendrin im Sandkasten? Noch nie gesehen. Aber wie gesagt: Die Wüste ist groß.

Wenn aber dann von Offroad-Abenteuern erzählt wird, geht es meistens um mehr oder weniger gewöhnliche Pisten. Zwar können auch diese Pisten abartig zu fahren sein. Und klar: Lange, tiefe Weichsandfelder inmitten einer Hamada voller spitzer Steine sind böse. Aber genau genommen sind das Straßen. Unbefestigte zwar, aber Straßen. Wir sind also immer noch onroad.

Wüstenpiste in Marokko

Wüstenpiste in Marokko: Eigentlich eine Straße

Was sind die Anforderungen an ein Offroad-Wohnmobil?

Es geht also gar nicht darum, das Offroad-Wohnmobil durchs Gelände zu treiben. Es geht um das Überwinden verschiedener Kategorien von „Straßen“ und „Wegen“, die man mit einem „Offroad-Wohnmobil“ fahren kann. Gerade auf diesen Pisten gibt es 1000 kleine Dinge, die problematisch werden können. In einem kleinen, aber ausgewaschenen Wadi hängt plötzlich das Heck fest. Ein umgekippter Baum liegt schräg über der Waldpiste. Die kleine Brücke über den Bewässerungsgraben ist zu eng. Einige Steine auf der Gebirgspiste sind zu groß. Die Piste ist mit Sand oder Schnee verweht. Das Bankett ist aufgeweicht und sackt weg. Die Ortsdurchfahrt ist zu eng.

Alles also klassische Onroad-Hindernisse. Da muss man noch nicht einmal quer durch die Wüste, Hamada oder Steppe. Gibt es alles schon vor der Haustür. Und auf diese Hindernisse sollte ein Offroad-Wohnmobil vorbereitet sein.

Was macht ein Offroad-Wohnmobil aus?

1. Verzicht, Verzicht und Verzicht

Es gibt Offroad-Wohnmobile, die sollen nur cool aussehen. Ansonsten aber alle Annehmlichkeiten wie zu Hause bieten: Warme Dusche, Generator, Quad. Schlafzimmer, Küche, Bad. Nun gut, Länge läuft. Allerdings ist offroad jeder Zentimeter mehr Höhe oder Breite mehr als hinderlich. Hauptproblem sind aus meiner Sicht nicht nur die Brückenunterfahrten, sondern vor allem tiefhängende Stromleitungen, überhängende Äste und hohe Schwerpunkte. Aber auch die Länge kann in engen Serpentinen oder bei Wendemanövern außerordentlich störend werden. Tja, und Übergewicht ist nie schön.

Ein richtiges Offroad-Wohnmobil sollte in einen Container passen. Jedes größere Fahrzeug ist übertriebener Luxus. Verzicht bringt jedenfalls wesentlich mehr Möglichkeiten. Leichter, kürzer, flacher. Das ist die richtige Devise. Die Einfahrt in einen 20-Zoll-Standardcontainer ist 2.338 mm breit und 2.280 mm hoch. Und innen sind 5.898 mm Platz. Jeder Millimeter darüber wird aufwändig.

2. Gute Böschungswinkel am Wohnmobil

Seht ihr den Sand an den Scheinwerfern? Da hat sich die Stoßstange durch den Dreck geschoben. Oder mit anderen Worten: Der vordere Böschungswinkel war zu klein. Gerade die Böschungswinkel spielen auf Pisten eine große Rolle. Vorn wie hinten. Und natürlich sind große Tanks und viele Staukisten bequem. Aber diese sollten niemals Rampenwinkel oder Böschungswinkel behindern.

Rampenwinkel sind wichtig für ein Offroad-Wohnmobil

Rampenwinkel sind wichtig für ein Offroad-Wohnmobil

3. Bodenfreiheit und Robustheit der Unterflur-Bauteile

Vor allem auf Gebirgspisten mit vielen Steinen oder tief ausgefahrenen Fahrspuren zählt eine möglichst große Bodenfreiheit. Bodenfreiheit im engeren Sinn ist dabei eigentlich die lichte Höhe unter den Achsen. Aber natürlich ist auch die Höhe der wichtigsten Bauteile relevant. Mein 500-l-Tank auf der rechten Seite hängt zwar noch oberhalb des Verteilergetriebes, aber eigentlich schon zu tief. Denn so ein Tank ist bei Bodenkontakt wesentlich empfindlicher als das Verteilergetriebe. Es kommt also nicht nur darauf an, wie viel Bodenfreiheit unter dem Fahrzeug besteht. Sondern vor allem darauf, wie empfindlich die Bauteile auf Bodenkontakt reagieren. Im nächsten Bild ist gut der massive Unterfahrschutz für den Kühler und die Ölwanne zu sehen. So ein Rammschutz gehört auch unter gefährdete Tanks.

Bodenfreiheit und Robustheit des Fahrgestells entscheiden aber auch über die Watfähigkeit. Insofern ist es immer günstig, wenn alle kritischen Bauteile höher gelegt oder vor Wassereintritt geschützt sind. Vor allem die Luftansaugung. Aber auch die Achs- und Getriebeentlüftungen.

Offroad-Wohnmobil im Gelände: MB 1124 AF

Offroad-Wohnmobil im Gelände: MB 1124 AF

4. Weite Verbreitung des Fahrgestells

Nichts ist schlimmer, als mit einem Exoten irgendwo an fernen Gestaden zu stranden. Das beste wäre eigentlich, immer auf die jeweiligen heimischen Produkte zu setzen. Isuzu in Asien. Kamaz in Russland. Mercedes in Afrika, Amerika und natürlich in Europa. Also erprobte, möglichst weit verbreitete Großserientechnik. So etwas ist immer besser als eine zusammengeschusterte Sonderanfertigung, die schon in Europa keiner kennt. Denn die Frage ist nicht, ob ein Offroad-Wohnmobil einen Defekt hat. Sondern ob einem vor Ort geholfen werden kann. Ob es vor Ort Ersatzteile gibt.

5. Allrad muss nicht sein

Allrad ist eine nette Sache. Muss aber nicht unbedingt sein. Viel wichtiger ist eine ordentliche Gewichtsverteilung mit ausreichend Last auf der Antriebsachse. Bei Wohnmobilen liegt die Hauptlast auf der Hinterachse. Also sollte zumindest die auch angetrieben sein. Und Allrad macht vor allem dann Sinn, wenn das ganze Fahrzeug von vornherein für den Allradantrieb konstruiert wurde. Und auch hier bringt der Allradantrieb ohne 2 bis 3 Differentialsperren nicht sehr viel.

6. Robuste Reifen

Viel wichtiger als Allrad sind passende Reifen und Reifendrücke. Jedoch ist die Auswahl der richtigen Reifen für ein Offroad-Wohnmobil ein Thema für sich. Alleine mit der Recherche der Verfügbarkeit in den Zielgebieten könnte man Wochen verbringen. Und dann ist doch für Afrika eine andere Reifengröße sinnvoll als für Südamerika. Weiterhin sollen Reifen auf dem Offroad-Wohnmobil natürlich robust und langlebig sein. Erst recht, wenn sie einen LKW tragen müssen. Robuste und flexible Flanken, damit der Reifenluftdruck soweit wie möglich abgesenkt werden kann. Stollen wiederum sind gut im Sand, aber schlecht auf Schnee. Laut dazu.

Die Entscheidung für einen bestimmten Reifen hängt also eigentlich immer von den Reisezielen ab. Letztlich wird es auf einen mehr oder weniger schlechten Kompromiss hinauslaufen. Den einen Reifen für alles gibt es schlichtweg nicht.

Offroad-Wohnmobil: Der Reifenluftdruck bestimmt über die Geländegängigkeit

Offroad-Wohnmobil: Der Reifenluftdruck bestimmt über die Geländegängigkeit

7. Flexible Aufbaulagerung

Vor allem bei LKWs verwindet sich der Rahmen bis auf wenige Ausnahmen gern und stark. Das ist so gewollt, damit alle Räder immer Bodenkontakt halten. Allerdings wird diese Verwindung regelmäßig unterschätzt. Noch schlimmer ist, mit steifen Aufbauten gegenzuwirken. Hier wird nicht nur die Geländegängigkeit des Wohnmobils behindert. Vielmehr kann es sogar zu Rissen und Brüchen am Koffer, Zwischenrahmen oder sogar dem Fahrzeugrahmen kommen. Selbst Pick-ups sind hier gefährdet. Kastenwagen hingegen haben eine eingebaute Sollbruchstelle. Dort reißen dann die Gummielemente zwischen Aufbau und Fahrgestell ab.

Es gibt also eine einfache Regel. Je flexibler die Aufbaulagerung, desto geländegängiger ist das Fahrgestell. Umgekehrt erfordert ein fester Aufbau wie bei Kastenwagen oder Geländewagen eine besonders flexible Radaufhängung.

Offroad-Wohnmobil oder Schlechtwegefahrzeug?

Das ideale Offroad-Wohnmobil hätte maximal Geländewagengröße. Und die Bodenfreiheit eines Unimog. Doch bei so einer Konstruktion bleibt kein Raum für Dusche, Küche, Festbett. Wirklich offroad fahren heißt also vor allem verzichten. Und realistisch betrachtet sind dann doch die meisten großen Offroad-Wohnmobile auf LKW-Fahrgestellen bestenfalls Schlechtwegefahrzeuge. Mit oder ohne Allrad.

Weiterführende Infos

Maße und Typen der ISO-Container: Wiki

Basisfahrzeuge für ein Expeditionsmobil: Magirus, Mercedes oder MAN?

Technische Beiträge zur Kofferlagerung: Hilfsrahmen / Zwischenrahmen auf LKW’s

Ein paar Zielkonflikte zur Fahrzeugwahl: Der Traum vom Allrad-Wohnmobil

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