ᐅ Bulgarien: Hoch-Stimmung am Anstieg zu den Smoljaner Seen

In der vergangenen, warmen Nacht hatte der Pudding keine Gelegenheit erhalten, sich seines eigentlichen Verwendungszweckes bewusst zu werden und zu gelieren. So deklarierte ich ihn am Morgen als einfache Fruchtsuppe, die eigentlich mehr nach eingedickter Zuckerlösung schmeckte. Trotzdem: Der bulgarische Puddingversuch brachte etwas Abwechslung auf unseren einseitigen Speiseplan.

In den Rhodopen

In den Rhodopen

Frisch gestärkt setzten wir die Erstürmung des Passes fort, die gestern schon über 23 km begonnen hatte. Oben auf etwa 900 m angekommen, stürzten wir uns nach ca. 1000 km Serpentinenabstinenz auf der anderen Seite den Berg hinunter.  Es war einfach überwältigend: Nun begann Bulgarien erst den richtigen Spaß zu machen. Auch die Umgebung wurde immer angenehmer, besonders im Flusstal nach Ardino. Das fast trockene Flussbett wurde von mannigfaltigen Hängebrücken für den Personenverkehr überspannt. Natürlich probierten wir auch einmal eine Hängebrücke aus. Sie schaukelte und verdrehte sich beängstigend, vor allem, als wir im Gleichschritt darüber stiegen.

Und überall sahen wir die schmucken, typischen Rhodopenhäuschen, eng an die dürren Hänge angeschmiegt. Die ganze Zeit über begleitete uns eine Seilbahn, also bereits von Kardzali bis weit hinter Ardino. In der Nähe dieses Ortes war es auch, als wir sehr erstaunt eine 15 cm große Schildkröte über die Straße kriechen sahen. Eine gepanzerte Echse in freier Wildbahn ist  schon ein Erlebnis, das anständig fotografiert werden muss. Ständig hatte sich das arme Tier ein Umsetzen auf eine bessere Position gefallen zu lassen, bis wir es in das dürre Straßenrandgebüsch setzten. Noch ganz benommen suchte die seltene Schildkröte das Weite, und wir ebenfalls.

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Endlich lagen die langweiligen Steppenetappen hinter uns! Auch die Hitze war mit 32°C im Schatten im Gegensatz zu den gestrigen 36°C einigermaßen erträglich. Trotzdem musste sich A. unbedingt mit bewährter Methode das edle Haupt kühlen, wobei ihm bei etwa 35 km/h der Deckel seines Kanisters aus der Hand sprang und spurlos verschwand. Unsere dringende Aufgabe war es nun, dass wichtige Utensil aus den Tiefen eines zugewucherten bulgarischen Straßengrabens zu bergen – und das beidseitig auf 100 m Länge! Nach anderthalb Stunden waren wir schon am Aufgeben, da zeigte A mit einem durchdringenden Entdeckerschrei auf eine Stelle am Straßenrand. Der Deckel! Während wir Meter für Meter den Straßengraben gerodet hatten, lag er ganz offensichtlich auf der (natürlich!) linken Fahrbahnseite, wo er unseren Überlegungen nach hätte gar nicht liegen dürfen! Hocherfreut über den unerwarteten Wiederfund radelten wir weiter ins Gebirge hinein.

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An einer Brücke nutzten wir die Gelegenheit, uns in einem zwar dreckigen, aber tiefen und kalten Fluss zu waschen und vor allem zu erfrischen. Anschließend habe ich noch eine gefühlte Ewigkeit gewartet, bis endlich einmal ein Auto über die Brücke gefahren ist – und dann war es zu meiner Enttäuschung auch noch grün und konnte nicht sehr viel Farbe auf den sowieso schon immer grün/braun-stichigen Orwochrome bringen. Frisch abgekühlt fiel es uns nicht allzu schwer, hinter Smoljan auch noch die 8 km des teilweise 14-%-Anstieges zu den Smoljaner Seen hochzufahren. Viel zu lange schon waren wir nicht mehr durch richtige Berge gefahren, so dass uns dieser kleine Anstieg nun sehr willkommen war, ganz nach dem Motto: Je höher und steiler die Auffahrt, desto besser die Abfahrt! Allerdings erwiesen sich die erwarteten glasklaren Bergseen – wir malten uns schon das Baden in ihnen aus – als flache, zugewachsene Tümpel. Die „smaragdenen Augen der Rhodopen“ waren jedenfalls ziemlich trüb und wenig einladend. Trotzdem zelten wir gemeinsam mit einigen Bulgaren in ca. 1.600 m Höhe an der Drahtseilbahn zur Sneshanka.

Jetzt beim Tagebuchschreiben bei Kerzenlicht im Zelt (draußen lungern extrem viele der aggressiven Blutsauger herum) höre ich das aufziehende Gewitter in den Bergen widerhallen. Auch der Wind wird stärker, so dass A schon die Abspannung überprüft und regengefährdete Sachen hereinbringt.

P.S.: Wir sind jetzt genau vier Wochen unterwegs.

Kosevo – Ardino – Smoljan – Smoljaner Seen (94 / 3.244 km)

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